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Meditation und Gymnastik für Trümmerfrauen

Beliebte Dienstagsrunde in der Grunewalder Seniorenanlage Herthastraße

  • Von Kirstin MacLeod, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

»Pah, Pah, Pah!«, laute Schreie hallen durch die Senioren-Wohnanlage in der Herthastraße in Berlin-Grunewald. Acht Frauen sitzen im Kreis und reißen die Arme in die Luft. »Und nochmal lauter!«, ruft Renata Adly. Die 77-Jährige bietet ehrenamtlich Gymnastik und Meditation für »ihre Damen aus der Herthastraße« an. Die Frauen, die Adly betreut, sind noch älter als sie selbst: zwischen 84 und 95 Jahren. Nach Kriegsende halfen sie, das zerstörte Berlin wieder aufzubauen, man nennt sie daher Trümmerfrauen.

Ihre Zahl wird auf bis zu 60 000 geschätzt. Heute sind viele der einstigen Aufbauhelferinnen zu mehr als 80 Prozent schwerbehindert. Als Adly in die Herthastraße zog, merkte sie: »Ich will den Frauen helfen«. Sie rief die Gruppe ins Leben. Seit mehr als sechs Jahren komme die »Dienstagsrunde« nun schon zusammen, erzählt sie.

Auch Lydia Müller ist froh, dass sich Frau Adly einmal in der Woche um sie kümmert. In den Therapiestunden könne sie abschalten und die schwere Vergangenheit vergessen, sagt die 88-Jährige. 1945 hat sie den S-Bahnhof Grunewald wieder mit hergerichtet. Damals war sie gerade 20 Jahre alt. »Es war eine sehr gefährliche Zeit«, erinnert sie sich an unvermittelt herabstürzende Trümmer. Heute könne sich wohl niemand mehr vorstellen, wie schwer der Alltag gewesen sei. »Es war ein täglicher Kampf gegen Hunger und Erschöpfung.«

Adly, die früher in einem Reisebüro arbeitete, schwört auf alternative Heilmethoden. Diese hat sie in einem Kurs an der Charité gelernt. Dabei verbindet sie altersgerechte Gymnastik mit Sprech- und Koordinationsübungen. »Wir müssen auch mal schreien, weil wir oft den ganzen Tag nicht sprechen. Sonst verlieren wir ja unsere Stimme«, sagt Adly, die selbst schon 15 Jahre hier wohnt.

Auf einem kleinen Tisch in einer Ecke liegen Blusen und Pullover. Eine der Frauen steckt sich zwei Kleidungsstücke in ihre Tasche. »Schnell, bevor die besten Sachen weg sind«, sagt sie mit gesenkter Stimme. Es sind private Spenden, die Adly für die Gruppe sammelt. Eine Bäckerei in Charlottenburg spendet außerdem Brötchen und Kuchen. Die zwei Euro, die jede der Damen im Monat für die Therapie in die gemeinsame Kasse legt, werden gespart. »Davon bezahlen wir unsere Weihnachtsfeier, das ist der Höhepunkt im Jahr«, erzählt Adly.

Der Kontrast könnte nicht stärker sein: Der Weg in die Anlage für die Senioren führt über den Kurfürstendamm vorbei an teuren Boutiquen und modernen Bürokomplexen hin zu den großen Gründerzeitvillen am Rande des Grunewalds. Geparkte Sportwagen lassen den Wohlstand des bürgerlichen Stadtteils erahnen. Doch diese Welt scheint weit weg zu sein von den roten Backstein-Bungalows für die Senioren. Dort erinnern die Möbel an vergangene Zeiten, die Tapete pellt sich von den Wänden. Die Bewohner der Herthastraße sind arm: Die Renten reichten kaum aus, um die Miete für die kleinen Einzimmerapartments zu bezahlen, weiß Adly. Viele bekommen Mietzuschüsse vom Staat.

»Wir haben damals ja nichts verdient«, sagt die 95-jährige Hildegard Görlitz. Viele der Frauen bekommen nur Mini-Renten, ihre Familien sind gestorben oder weggezogen. Die Wohnanlage bietet heute keine Betreuung mehr wie noch vor zehn Jahren. Die Senioren sind auf sich gestellt. »Wer Pflege will, soll eben dafür zahlen«, hört Adly oft. Doch das können sich die Bewohner hier nicht leisten.

Görlitz ist blind und kann sich nur gestützt auf ihren Rollator langsam durch den Raum bewegen. Sie habe zwar damals nicht mit »enttrümmern« müssen, wie sie das Sammeln der tauglichen Backsteine aus zerbombten Gebäuden nennt. Dennoch könne sie nachempfinden, wie hart es damals gewesen sein muss. Die ehemalige Sekretärin ist erschrocken, dass auch heute noch versucht wird, Konflikte mit Kriegen zu lösen.

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