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Sabine Nuss über Einkommensverteilung in Deutschland

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Mehr als zwei Drittel der Deutschen findet, dass Einkommen und Vermögen hierzulande ungerecht verteilt sind. Von einer Gerechtigkeitslücke ist die Rede, das Ganze wird im Wahlkampf eine zentrale Rolle spielen. Die vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall finanzierte Initiative für soziale Marktwirtschaft (INSM) hat nun in Sorge um die öffentliche Meinung den Forschern des Allensbach Instituts den Auftrag erteilt, dem Gerechtigkeitsbegriff der Bürgerinnen und Bürger mal auf den Zahn zu fühlen. Und die machten das so: Einer repräsentativen Anzahl von Personen wurden nicht nur Fragen zur Verteilung von Einkommen vorgelegt, sondern auch Fragen wie: »Sollte man vom Lohn für seine Arbeit leben können?«, »Sollten alle Kinder die gleichen Chancen auf eine gute Schulbildung haben?«.

Und siehe da: Die wesentliche Erkenntnis, die durch die Studie »Was ist gerecht? Gerechtigkeitsbegriff und -wahrnehmung der Bürger« am Ende als belegt gefeiert wurde: Die Bevölkerung hat einen mehrdimensionalen Gerechtigkeitsbegriff. Und: Im Reigen der verschiedenen Gerechtigkeitsbegriffe - Generationengerechtigkeit, Leistungsgerechtigkeit, Verteilungsgerechtigkeit, usw. - hat die Chancengerechtigkeit eindeutig gewonnen. Das Ranking der verschiedenen Dimensionen ergab sogar: Nur für 21 Prozent der Befragten hat Verteilungsgerechtigkeit Vorrang, wohingegen fast dreimal so vielen - 57 Prozent - Chancengerechtigkeit am wichtigsten ist. Also alles nicht so schlimm mit der Ungleichverteilung.

Zwei Punkte sind an dieser in den Medien breit rezipierten Studie bemerkenswert. Erstens: die Vorgehensweise. Es wäre etwa so, als würde der Pestizidverband mit Sorge beobachten, wie die öffentliche Debatte über schadstoffbelastete Karotten immer lauter würde und eine Studie »Was ist Schadstoffbelastung?« in Auftrag gäbe. Diese würde dann nicht nur nach den Karotten fragen, sondern auch nach giftigen Auberginen, überzüchteten Bohnen und gespritzten Paprikas. Am Ende wäre dann das Ergebnis, dass die Bevölkerung einen mehrdimensionalen Schadstoffbegriff hätte, giftige Auberginen aber noch viel weniger essen möchten als schadstoffbelastete Karotten.

Zweitens: das Ergebnis. Chancengerechtigkeit ist den meisten das Wichtigste. Die Menschen sollen also gleich gute Chancen haben - aber Chance worauf? Auf einen Beruf, ein einträgliches Einkommen, ein sicheres Leben, Teilhabe und Aufstiegsmöglichkeit. Nun ist es in einer Gesellschaft mit sozialer Schichtung so, dass die Plätze an der Sonne beschränkt sind und die im Schatten zahlreich. Nicht jeder kann es »nach oben« schaffen, auch wenn die Chancen noch so gleich verteilt wären. Je mehr nun die soziale Schichtung auseinander driftet, desto härter der Wettbewerb, der Kampf um Arbeitsplatz, Einkommen und Aufstieg. Die »Chance« wird damit noch mehr zur bloßen Möglichkeit.

Vielleicht hat das Ausspielen der Chancengerechtigkeit gegen die Verteilungsgerechtigkeit ja auch einen ganz anderen Zweck. Denn wie sagte der Wirtschaftsprofessor Norbert Berthold kürzlich einer großen Tageszeitung: »Ungleichheit lässt sich viel leichter tolerieren, wenn jeder das Gefühl hat, dass er es schaffen kann.« Wie beim Lotto: Die Tatsache, dass es ja doch immer mal jemanden gibt, der den Jackpot gewinnt, hält die Leute bei der Stange: Beim nächsten Mal könnte ich gewinnen. Ehrlicher ist da die französische Verwendung des Wörtchen »Chance«: »Bonne Chance!« heißt zu deutsch »Viel Glück!«.

Sabine Nuss ist Politologin bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung

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