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Warten auf den Milliardär

Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Bahnhof Zoo, über seine Gäste

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nd: Herr Puhl, hat Armut heute ein anderes Gesicht als vor 20 Jahren?

Puhl: Armut hat nach unseren Beobachtungen immer mehr mit Altersarmut zu tun. Die Menschen, die zu uns kommen, werden deutlich bürgerlicher. Darunter sind viele ältere Ladies à la »Wilmersdorfer Witwe«. Sie sind nur auf den ersten Eindruck gut gekleidet, und ihre Zähne sind schlechter als früher. Ich habe noch vor wenigen Jahren nie so viele vermeintlich bürgerliche Menschen gesehen mit schlechten Zähnen.

Der kleine Satz, der für mich die neue Altersarmut am besten beschreibt, geht so: »Herr Puhl, haben sie mal ein Päckchen Taschentücher für mich?« Selbst dafür fehlt vielen mittlerweile das Geld. Und sie haben natürlich kein Geld für orthopädische Schuhe, für ordentliche Zähne und schon gar nicht für einen neuen Kühlschrank, wenn der alte kaputt gegangen ist.

Woher kommen die Gäste der Bahnhofsmission?

Wir schätzen, 60 Prozent kommen mittlerweile aus Osteuropa. Berlin hat das beste Wohnungslosen-Hilfesystem Deutschlands, möglicherweise sogar Europas. Deshalb werden europaweit Adressen der Berliner Wohnungslosenhilfe weitergegeben. Das passiert in Warschau gleichermaßen wie in Moskau. Im letzten Winter sind in Warschau über 50 Menschen erfroren, in Moskau 100. Das sind 150 gute Gründe nach Berlin zu gehen. In Deutschland kommt ein anderer Aspekt dazu. Wenn sie in kleinen Kommunen leben und wohnungslos sind, dann möchten sie nicht der Depp sein. Sie möchten nicht, dass ihre alten Klassenkameraden, ihre Familie oder andere ihnen beim Scheitern zusehen. Da bietet sich Berlin an. Hier kann man wunderbar abtauchen in die Anonymität.

Zudem sind viele Kommunen mit Wohnungslosen überfordert. Dort gibt es kein entsprechendes Hilfenetz und die haben keine Bahnhofsmission, die 24 Stunden auf hat und Menschen mir Essen und Kleidung versorgt.

Man ist als Wohnungsloser also in Berlin gut und sicher aufgehoben?

Unser Hilfesystem ist gut. Lücken gibt es aber auch in Berlin noch genug. Sonst würden nicht so viele Leute sterben. Sie erfrieren nicht. Das ist eine andere Qualität. Aber sie sterben, weil sie wohnungslos sind und mit 40 Fieber kein Bett haben, in das sie sich legen können, um sich auszukurieren.

Gibt es auch noch die klassischen Reisenden, die von ihnen betreut werden müssen?

Wir sind die einzige Bahnhofsmission in Berlin, die neun Schlafstellen hat für Bahnreisende. Das ist ein sehr arbeitsintensiver Bereich.

Da hatten wir beispielsweise die englische Mutter mit ihren drei Kindern. Die sahen aus wie die Kelly-Family, hatten noch drei Hunde und sechs Katzen im Gepäck und kamen mit der Queen Mary rüber aufs Festland und standen abends um 23 Uhr in unserer Bahnhofsmission auf der Matte und sagten: »Besorgt uns Schule, Wohnung, Studium, Dolmetscher! Mittellos sind wir auch noch, die Katzen haben Hunger, die Kinder haben Hunger, die Hunde haben Hunger und die Mutter hat eine Gluten-Unverträglichkeit.«

Die wurden abgelöst von der tschetschenischen Familie mit einem Säugling, wo wir erst mal Windeln besorgen mussten. Die wurden abgelöst von der slowenischen Familie mit sieben Kindern.

Im vergangenen Dreivierteljahr schlugen hier immer häufiger Familien mit Kindern auf. Wenn sie dann anfangen, sich richtig um die zu kümmern, und ihnen nicht nur eine Stulle mitgeben auf die nächste Reise, dann haben sie richtig Arbeit. Wenn es irgendwie geht, versuchen wir diese Qualität reinzubringen. Aber die Personaldecke ist dafür eigentlich zu dünn.

Sie sind eine Art Anlaufstelle für alle, die nicht mehr weiter wissen?

Als ich hier vor drei Jahren anfing, habe ich mich gewundert über die zahlreichen Grußkarten von Botschaften zu Weihnachten. Einige haben auch Pralinenkästen geschickt. Ich habe mich damals gefragt, woran liegt das?

Heute weiß ich, die kümmern sich überhaupt nicht um ihre Landsleute. Wenn in den Botschaften einer mit finanziellen Problemen auftaucht, wird er zur Bahnhofsmission geschickt. Die bekommen durch ihre Botschaft kein Fahrgeld oder sonst etwas. Und dann finde ich es auch fair, dass wir Weihnachtskarten bekommen.

Mit wie vielen Leuten bewältigen Sie es, 365 Tage im Jahr rund um die Uhr offen zu haben?

Wir sind sieben hauptamtliche Mitarbeiter. Dazu kommen 85 Ehrenamtliche, 100 Praktikanten im Jahr und weitere 100 Mitarbeiter jährlich, die zu Arbeit-statt-Strafe verurteilt wurden. Die machen alle einen super Job. Und das ist ein schönes Spektrum: von der 79-jährigen Lady bis zur 14-jährigen Schülerpraktikantin. Im vergangenen Herbst mussten wir sogar 600 Ehrenamtlichen absagen, weil wir keinen Bedarf hatten.

Es wird besonders den jungen Menschen hier viel abverlangt. Die müssen mit anpacken, schlichten, deeskalieren, die werden gefordert von menschlichen Schicksalen, die uns Erwachsene auch fordern, die haben Erfolgserlebnisse, die kriegen Sterben mit. Die bekommen das ganze breite Spektrum von Leben mit.

Sind die Berliner hilfsbereit?

Wenn sie informiert sind, ja. Da gibt es den achtjährigen Jungen, der vor der Tür steht und sagt, »Dieter, ich möchte euch fünf Euro Taschengeld spenden«, oder die Frau, die vorbeikommt, und uns 200 Euro für Ostereier schenkt. Es gibt rührende Helfergeschichten wie die von dem 30-jährigen Pärchen, das für die Bahnhofsmission in seiner Küche 37 Kuchen gebacken hat. Oder die ältere, gebrechliche Dame mit Rollator, die mir einen Briefumschlag in die Hand drückte und sofort wieder verschwand. In dem Umschlag befanden sich acht nagelneue 500-Euro-Scheine. Ich bin dann hinterher gerannt und habe sie gefragt, »Entschuldigung, aber was sind Sie eigentlich für Eine?«. Und sie hat geantwortet: »Eine Glückliche, die zufrieden ist mit dem Leben.«

Auf wen ich noch warte, ist ein russischer Milliardär, der keinen englischen Fußballclub kauft, sondern sich für seine in Not geratenen Landsleute engagiert.

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