Im falschen Jahrhundert

Wsewolod Petrow: »Manon Lescaut von Turdej« - eine Entdeckung

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

Die Wirkung dieser Geschichte kommt zunächst aus der Verwunderung, weil sie so ganz anders ist, als man es von einer Erzählung aus Kriegszeiten erwartet. Handlungsort: ein Waggon in einem Lazarettzug, der mal eine ganze Weile steht und sich dann wieder in Bewegung setzt. Von nirgendwo nach nirgendwo, wie es scheint. In der Mitte ein Kanonenofen. Dort sitzt manchmal nachts ein Offizier, nicht verwundet, sondern herzkrank, und neben ihm eine junge Krankenpflegerin, Vera, die davon träumt, Schauspielerin zu werden. Er macht ihr den Hof, was sie so noch nie erlebt hat von den Männern, die sie wollten. Sie ist verwirrt, hingerissen. Was sie sieht, ist eine große Leidenschaft. Wie soll sie dem widerstehen?

Ein bisschen fühlt man sich an Lermontows »Ein Held unserer Zeit« erinnert. Treibt der Offizier sein Spiel mit Mädchen, weil ihm langweilig ist? Nein, er überzeugt uns: »Vera, ich bin wahnsinnig vor Liebe zu Ihnen.« Er meint es ernst, sehr ernst - aber weniger im alltäglichen Sinne als im Sinne der Kunst, die für ihn über dem schlichten Leben steht.

»Es existieren Gesetze des Lebens, die denen der Kunst sehr ähneln«, heißt es auf Seite 83. »Die Kunst unterscheidet sich vom Leben nur durch das Maß der Anspannung. Die Liebe aber ist eine solche Anspannung, daß das Leben selbst zur Kunst wird.« Das sagt er zur Ärztin Nina Alexejewna, die als einzige im Waggon auf seiner Geistesebene ist. »Sie haben sich etwas Kompliziertes ausgedacht«, wendet sie ein. »Dabei treiben Sie Vera ins Verderben ... Sie heben sie auf eine Höhe. Jetzt hat dieses Kind ein Schicksal.«

Aber dieses Gespräch, man hätte es beinahe vergessen, findet eben nicht im 19. Jahrhundert in einem Petersburger Salon statt, sondern während des Großen Vaterländischen Krieges, in dem das »sowjetische Volk« doch angeblich vereint dem Feind gegenüberstand. Da scheint es, als käme der Offizier mit einer deutschen Ausgabe des »Werther« in der Tasche, wie von einem anderen Stern. Als habe es ihn aus der Vergangenheit hereingeweht: Adelsintelligenz. Auch ein deutscher Bombenangriff holt ihn nicht in die Gegenwart: Er ist er im falschen Jahrhundert.

Vielen wird das seltsam vorkommen, aber manche werden ihn verstehen. So wie jene Literaten, denen Wsewolod Petrow (1912-1978) in Leningrad jedes Jahr zu seinem Geburtstag Auszüge aus der Erzählung vorlas. Oleg Jurjew, der den Text für den deutschen Buchmarkt entdeckte und von seinem Sohn Daniel übersetzen ließ, war damals unter den Gästen.

»Die zweite Kultur«, schreibt er im Nachwort - und öffnet ein Fenster, durch das die frische Luft der Wahrheit hereinströmen kann. Es gab die sowjetische Ideologie und es gab antisowjetische Bestrebungen, die in der Verneinung dennoch in dieses Koordinatensystem gehörten. Die Dissidenten, denen der Westen huldigte, die verhaftet wurden, die litten, sich als Kämpfer fühlten, irgendwann ausreisten. Mit ihnen hatten die »Kulturmenschen«, von denen Jurjew im Nachwort spricht, wenig zu tun, weil sie nicht »antisowjetisch«, sondern einfach nur »unsowjetisch« waren.

Bewusstsein von Abgehobenheit. »Chranite gordoje terpenje«, bewahrt stolze Geduld, wie es bei Puschkin heißt. Diese Leute erkannten einander auf den ersten Blick. Sie bildeten eine intellektuelle Schicht, wie es sie in dieser Deutlichkeit in der DDR nicht gab. Manche hatten sich sogar im Kulturbetrieb positioniert, aber auch jene, die zurückgezogen lebten, wussten sich in Verbindung ...

Oleg Jurjew erinnert im Nachwort an Vera Panowas Roman »Weggefährten« von 1946, der auch in einem Sanitätszug während des Großen Vaterländischen Krieges spielt - »sauber geschrieben, nicht übermäßig mit Propagandasprüchen verseucht«. Alles gute Menschen, Patrioten, nur der Arzt Suprugow wirkt unsympathisch, denn er ist anders, lebt nicht mit den anderen zusammen »nur für die Front, nur für den Sieg«. Jurjew meint, Petrow habe seine Geschichte als Antwort auf Panowa geschrieben, weil er sich mit Suprugow identifizieren konnte und sich angegriffen fühlte.

Aber solche Figurenkonstellationen gab es schon lange in der Sowjetliteratur - für mich am schmerzhaftesten in »Die Neunzehn« von Alexander Fadejew (1927), Pflichtlektüre für Slawistik-Studenten. Da stellt der Autor dem grobschlächtigen Moroska den gebildeten Metschik gegenüber und lässt diesen gerade wegen seiner Nachdenklichkeit versagen, ja zum Verräter werden. Heute ist mir klar: Das war vom Autor nicht lediglich gegen die »kleinbürgerlichen Intellektuellen« gerichtet, wie es im DDR-Handbuch der Sowjetliteratur von 1975 heißt. So vehement das daherkam (und so umgekehrt wahrhaftig, sonst hätte es in der jungen Studentin nicht solchen Widerspruch geweckt), war es Zurichtung der eigenen Person.

Wsewolod Petrow hat seine Erzählung nicht geheim gehalten, reichte sie aber auch nicht zur Veröffentlichung ein. Weil er sicher war, dass man sie ihm zurückschicken würde? Womöglich interessierte es ihn schlichtweg nicht. Erst 2006 - 28 Jahre nach dem Tod des Autors - wurde der Text in der Zeitschrift »Nowy mir« gedruckt. Man kann das als literarische Sensation feiern. Aber Trauer ist umso mehr angebracht, sind doch Menschen von Schlage Petrows im heutigen Russland noch viel mehr an den Rand gedrückt als zu sowjetischen Zeiten. Sie können sich nicht verkaufen, die Nachkommen werden ihrem Weg nicht mehr folgen. Sie müssen erleben, dass »unmodern« ein viel schlagkräftigeres Verdikt als »unsowjetisch« ist.

Wsewolod Petrow: Die Manon Lescaut von Turdej. Aus dem Russischen von Daniel Jurjew. Stellenkommentar von Olga Martynowa. Nachwort von Oleg Jurjew. Weidle Verlag. 125 S., br., 16,90 €.

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