So jung wie Denis Goldberg

Der einstige ANC-Kämpfer blickt an seinem 80. Geburtstag kritisch auf die jüngsten Entwicklungen in Südafrika

  • Von Christa Schaffmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Der Afrikanische Nationalkongress (ANC) war sein Leben. Neben Nelson Mandela stand Denis Goldberg im Rivonia-Verfahren vor Gericht und wurde zu viermal Lebenslänglich verurteilt. 22 Jahre saß er im Gefängnis. 2004 zog er sich aus der großen Politik zurück und widmete sich dem Kampf für soziale Gerechtigkeit. Heute wird Goldberg 80 Jahre alt.

Es ist windig an diesem Tag, so wie an den meisten Tagen des Jahres in Kapstadt. Ich bin auf dem Weg in den Vorort Hout Bay zu Denis Goldberg, dem Mann, den Nelson Mandela stets »boy« genannt hat, auch als er nach dem Ende der Apartheid im Alter von 70 Jahren aus dem britischen Exil nach Hause zurückkam. In einer E-Mail hat er eine perfekte Wegbeschreibung zu seinem Haus geliefert; besonderes Kennzeichen: ein Jacob-Zuma-Plakat an der Garage. Er hat Übung im Mailen, ist er doch ständig in Kontakt mit Menschen in aller Welt, die irgendwann in seinem Leben wichtig geworden sind. Regelmäßig wird er zu Vorträgen nach Europa eingeladen oder darf sich die eine oder andere Auszeichnung abholen, 2011 etwa in Deutschland das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 2012 in Glasgow den »Global-Scholar-Award«.

Heute, wenige Wochen nach unserem Treffen, feiert Denis Goldberg seinen 80. Geburtstag. Aber was heißt das schon? Er hat noch immer dieses Feuer, das viele Menschen aus ihrer Jugend nicht einmal in das Erwachsenenalter hinüberretten können. Man spürt es in seinen scharfen politischen Analysen genauso wie in seinen Geschichten. Die meisten handeln nicht von Geschehnissen in der Vergangenheit.

Er braucht nicht viel, abgesehen von einem guten Wein hin und wieder und vor allem der Gewissheit, noch immer etwas bewirken zu können. Begeistert erzählt er von einer Gruppe traumatisierter Kinder, denen er Musikinstrumente beschafft hat und die inzwischen schon mehrmals aufgetreten sind. Sogar ins Ausland konnten sie reisen. Auch das Gehalt der Musiklehrerin ist durch Spenden finanziert. »Wir bräuchten Psychotherapie für einige, aber wer soll das machen und wer vor allem soll es bezahlen?« An den Wänden seines Hauses hängen zahlreiche Bilder. Aber er ist kein Sammler, keiner, der in Kunst investiert. Einige hat er gekauft, um afrikanische Künstler zu unterstützen. »Sie wollen keine Almosen, sondern Anerkennung«, sagt er. »Er ist so klug, so gut und so großzügig - ein wunderbarer Mann«, schwärmt die junge Thobeka aus dem nahen Township Imizamo Yethu und strahlt dabei, als spräche sie von ihrer jüngsten Eroberung in der Männerwelt.

Von seinem Haus in Hout Bay aus hat man aus luftiger Höhe einen fantastischen Blick auf das Meer. Der Preis für diese Lage sind klappernde Fenster und Jalousien. Seine 2006 verstorbene Frau Edelgard (unter dem Namen Hanna Ndlovu langjährige nd-Korrespondentin) hat die Bucht geliebt und sich eine Seebestattung an diesem Ort gewünscht. Er hat ihr den Wunsch erfüllt. Edelgard war seine zweite Ehefrau, über beide spricht er mit viel Liebe und mit einem Schuss Humor. »Ich habe sie beide überlebt und beerbt, was das Leben materiell betrachtet leichter macht.« Mit demselben Humor erwähnt er beiläufig auch seine nicht mehr perfekte Gesundheit: »Man wirft halt jeden Tag eine Hand voll Pillen ein und weiter geht’s.«

Goldberg ist in Kapstadt aufgewachsen und hat ein Studium als Bauingenieur abgeschlossen. Er engagierte sich früh gegen die Apartheid - sowohl als Mitglied der Kommunistischen Partei Südafrikas als auch in dem von ihm mitbegründeten Kongress der Demokraten. Später trat er dem bewaffneten Flügel des ANC (Umkhonto we Sizwe) als technischer Offizier bei. 1963 wurde er deshalb verhaftet und mit Nelson Mandela, Walter Sisulu, Govan Mbeki und anderen Gefährten im Rivonia-Prozess wegen Hochverrats und Sabotage angeklagt. Das Urteil: viermal Lebenslänglich. 22 Jahre hat er im Gefängnis in Pretoria zugebracht. Er hat die Zeit gut genutzt und drei Fernstudiengänge abgeschlossen, den vierten - Jura - nach der Freilassung abgebrochen. Lernen, Erkenntnisse gewinnen - das hat er als lustvoll empfunden, und es hat geholfen, im Gefängnis nicht den Verstand zu verlieren.

Er bagatellisiert die Haft nicht, wenn er so im Eilverfahren über diese Zeit spricht. Vielmehr zieht er es vor, über die jetzt wichtigen Themen zu sprechen. »Wissen ist für mich ein Leitfaden zum Handeln, nie ein Selbstzweck.« In einer Rede vor Absolventen der Universität in Glasgow appellierte Goldberg an jeden Einzelnen, sich nun an der Schwelle zum Arbeitsleben zu entscheiden, ob er Teil des Systems sein und damit Ungleichheit und Ungerechtigkeit aufrechterhalten oder ob er das System verändern und Gleichheit zur Realität machen wolle.

Sagt er solche Sätze auch in Südafrika, wo die Ungleichheit inzwischen größer ist als zu Zeiten der Apartheid? Er tut es: »Inzwischen halten Schwarze große Anteile an der Rohstoffindustrie. Aber die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen haben sich kaum verändert. Und die Sensibilität dafür, wann es genug ist und diese Zeitbombe explodieren wird, scheint nicht zu existieren. Auch die Lehrer sorgen sich mehr um ihre Gehälter und ihre Arbeitsbedingungen als um die Bildung unserer Kinder.« Eine sozialistische Revolution stehe derzeit aber nicht auf der Tagesordnung. Veränderungen im Interesse der Arbeiterschaft lasse auch der Kapitalismus zu. Man dürfe die Entwicklung nur nicht dem Markt überlassen.

Er ist durchaus stolz auf das, was seit 1994 geleistet wurde. Sich darauf auszuruhen, gefährde jedoch die ganze Entwicklung, sei schlimmer als Stillstand. Die Art, wie viele Menschen Mandela verehrten, »wie einen Messias«, diene weder ihm noch dem Land. »Was Mandela und Tambo zu großen Führern gemacht hat, war ihre Kraft, Zehntausende zu mobilisieren und in veränderten Situationen neue Strategien zu entwickeln.« Anders als einige Funktionäre heute waren sie zu Opfern bereit: Sie hätten beide reiche Rechtsanwälte werden können, kämpften stattdessen aber gegen ein System der Unterdrückung und bezahlten jeder auf seine Weise einen hohen Preis.

Goldberg kritisiert Korruption und Profitgier, Schlamperei in den Verwaltungen, die Nachteile des Verhältniswahlrechts und die ungenügenden Anstrengungen zur Senkung der Arbeitslosigkeit von derzeit 25,5 Prozent im Landesdurchschnitt und 50 Prozent unter den Jugendlichen. Im ANC vermisst er die notwendige Grundsatzdebatte darüber, was er eigentlich sein will - eine Partei, die die Interessen der Arbeiter vertritt, oder ein klassenübergreifendes Bündnis.

Doch immer dann, wenn ausgerechnet Länder, die lange das Apartheidregime gestützt oder mindestens toleriert haben, Südafrika heute kritisieren, verteidigt der große alte Mann sein Land mit all seinen Schwachstellen. Korruption, Geldgier und Menschenrechtsverletzungen gebe es nach wie vor. Doch es berühre ihn unangenehm, sagt Goldberg, »wenn ausgerechnet jene über universelle Menschenrechte reden, die diese selbst jeden Tag verletzen und sie missbrauchen, um Krieg in andere Länder zu tragen«.

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