Da guckst Du !

Jeder Berliner kennt eine Dönerbude, von türkischer Musik hat er noch nüscht jehört

  • Von Katharina Schulze
  • Lesedauer: 4 Min.

Der 12. April ist ein Tag von besonderer Bedeutung für Birgil Kaya, für Burcu Top, Tolja Yilmaz, Hüseyin Ay und etwa weitere 19 000 junge Menschen in Berlin. Besonders wichtig jedoch ist er für Nuri und Halime Karademirli: Am 12. April 1998 konnte das Ehepaar, das vor Jahren der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen war und längst in der Elektronikbranche seinen Platz gefunden hatte, auf dem ehemaligen Garagenhof Solmsstraße 37 in Kreuzberg das »Konservatorium für Türkische Musik Berlin« eröffnen. Damit ging für die beiden ein lange gehegter Traum in Erfüllung, in den sie seit 1984 Können, Kraft und die privaten Ersparnisse investiert hatten.

Zuspruch oder gar Unterstützung war rar. Die Senatsverwaltung für Schulwesen in Berlin fand es höchst überflüssig, dass »Gastarbeiter« ihre eigene Kultur pflegen, sie sogar verbreiten wollten. Die sollten sich ja integrieren! Und selbst unter den eigenen Landsleuten wurde sinniert, ob da nicht jemand hinterm großen Geld her war. Die Karademirlis hielten an ihrer Vision fest: Es sollten die in Berlin geborenen und aufwachsenden türkischen Kinder die Möglichkeit haben, sich mit der Musik ihrer Vorfahren vertraut zu machen und selbst ein Instrument spielen zu lernen. Und der ältere Generation sollten in der neuen Heimat die Traditionen erhalten bleiben. .

Auch im Leben Nuri Karademirlis war die Musik immer Lebenshilfe. Seine außergewöhnliche musikalische Begabung - speziell für die Oud, die türkische Kurzhalslaute - war früh erkannt und gefördert worden. Mit den Honoraren seiner Konzerte hat er auch in Deutschland seine Ausbildung als Elektroniker finanziert. Und selbst in der Freizeit durch die Arbeit mit Chören und Musikgruppen auf die Verwirklichung des Lebenstraums hingearbeitet. Es verwundert nicht, dass ehemalige Lehrer, Meister der türkischen Musik, den einstigen Schüler unterstützten, der längst selbst zu den international bekannten Meistern seines Instruments zählt.

Das Konservatorium startete mit 150 Schülern im Alter von 16 bis 25 Jahren. Heute wird es im Schnitt von 250 Schülern besucht. Es kommen auch Deutsche, Griechen, Araber, Franzosen, Italiener, Engländer, darunter die Kinder verschiedener Botschafter. Gearbeitet wird nach Lehrplänen, die denen der Konservatorien an den Universitäten in Izmir und Istanbul entsprechen. Unterrichtet werden nach wie vor Klassische türkische Musik und Türkische Volksmusik, Gesang, Volkstanz und Zupf-Instrumentenbau. Und neuerdings - alles entwickelt sich - kann man neben der Kunstmusik auch Pop und Folklore studieren. Der einfachen Herkunft der meisten Berliner Türken gemäß, wird Volksmusik-Unterricht im preiswerten Gruppenschema erteilt.

Von Beginn an wurde das Konservatorium als »Ergänzungsschule« und als »Künstlerische Schule« bestätigt. Eine finanzielle Unterstützung von der Stadt Berlin jedoch gibt es bis heute nicht. Die Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft steht dem Projekt inzwischen zumindest aufgeschlossen gegenüber: Seit 2011 kann das Konservatorium Räume einer seit sieben Jahren leerstehenden Grundschule in der Bergmannstraße nutzen. Der Ausbau wurde und wird mit privaten Spenden in Millionenhöhe finanziert - genauso wie die jetzt anstehende Erweiterung. Die wurde nötig vor allem durch eine Neugründung: Die »Global Music Akademy«, eine private - von Spendengeldern des Gründerkonsortiums getragene - Musikhochschule, soll Musiker und Musikwissenschaftler in den Stilistiken unterschiedlicher Musikkulturen ausbilden. Die Nachfrage nach Studienplätzen ist bereits größer als die Kapazität.

Ein erfolgreicher Weg. Verschwiegen werden kann aber nicht, dass ein Institut wie das Konservatorium von deutschen Kulturpolitikern noch immer nicht ernst genommen und auf gleicher Augenhöhe behandelt wird. Die Bundesfraktion der Grünen zum Beispiel veranstaltete im vergangenen Jahr ein »Hearing« zur Situation der Musikschulen in Deutschland. Eingeladen war keine einzige Musikschule anderer nationaler Herkunft.

Inzwischen haben mehr als 19 000 junge Menschen die Angebote des Konservatoriums genutzt. Sie sind regelmäßig zu Gast in der »Gelben Villa«, einem Kreativ- und Bildungszentrum für Kinder, Schulprojektwochen, Freizeitkurse und Sommerferienwerkstätten. Zielgruppe sind Kinder zwischen zehn und zwölf Jahren, insbesondere Kinder »mit Migrationshintergrund«, die dort verschiedene Musikstile aus unterschiedlichen Kulturen kennen lernen, selber musizieren, ein Instrument bauen und eine eigene musikalische Choreographie in einem Tanz umsetzen und, im gemeinsamen Lernen, ihre interkulturelle Kompetenz erweitern können.

Wer einmal dabei sein will, dem sei der Besuch des 2. Festkonzerts anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Konservatoriums für Türkische Musik ausdrücklich empfohlen. Leitung: Nuri Karademirli. Wahrscheinlich werden auch Birgil Kaya, Burcu Top, Tolja Yilmaz und Hüseyin Ay kommen - und zuhören. Sie hatten bereits im 1. Festkonzert ihren viel bejubelten Auftritt.

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