Mit und ohne Koffer

Vor 60 Jahren: Erste DDR-Flüchtlinge in Notaufnahmelager Marienfelde

  • Von Jutta Schütz, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Manche kamen mit einem Koffer in den Westen, andere mit noch weniger. Ein neues Leben sollte beginnen. Am 14. April 1953 wurde im damaligen West-Berlin eine zentrale Notaufnahme für DDR-Flüchtlinge eröffnet. Zum Erinnerungstag hat sich auch Bundespräsident Gauck angesagt.

Über dem Doppelstockbett aus Metall steht an einer Wand: »Jetzt kann mir niemand mehr etwas anhaben.« Der Satz ist von einer Frau überliefert, die es aus der DDR hierher in das Notaufnahmelager Marienfelde im einstigen West-Berlin schaffte. Am 14. April 1953 wurde das »Tor zur Freiheit« für DDR-Flüchtlinge vom damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss eröffnet. Genau 60 Jahre später kommt Bundespräsident Joachim Gauck zu einem Festakt nach Marienfelde, um an die historischen Ereignisse zu erinnern.

Bis zum Ende der DDR passierten 1,35 Millionen DDR-Flüchtlinge und Aussiedler das Notaufnahmelager. »Wer über Ost-Berlin in den Westen kam, durchlief Marienfelde«, sagt die Leiterin der Erinnerungsstätte, Bettina Effner. Die Neuankömmlinge brauchten eine Aufenthaltserlaubnis, Ausweispapiere, Versicherungen. Wohnung und Arbeit mussten gesucht werden. War das Aufnahmeverfahren mit zwölf Stationen überstanden, wurden sie auf die Bundesländer und West-Berlin verteilt.

»1953 war das ein ganz moderner Bau«, sagt Historikerin Effner. Nach und nach entstanden 26 Wohnblocks, gedacht für 2800 Menschen. Den Löwenanteil der Kosten von knapp sechs Millionen D-Mark trug der Bund. »Das Flüchtlingswohnheim war in den ersten Jahren chronisch überbelegt«, erklärt Effner. Auf der ersten Etappe im neuen Leben wurden die Menschen in Marienfelde zunächst untergebracht und in einem großen Speisesaal versorgt. Auch einen Kinderhort gab es.

Behörden und Institutionen richteten Büros ein, um den Flüchtlingen Irrwege durch die Stadt zu ersparen. Ehepaare bekamen in den 50er Jahren im Monat acht DM Taschengeld, viele Berliner spendeten Kleidung, weiß die Leiterin der Erinnerungsstätte aus Recherchen.

Fotos aus den 50er Jahren in der Dauerausstellung zeigen lange Schlangen am Eingang des Notaufnahmelagers. Nach dem Mauerbau 1961 riss der Zustrom ab, eine Flucht wurde immer schwieriger. Einige der mehrgeschossigen Häuser gingen an eine Wohnungsbaugesellschaft. Für Flüchtlinge blieben rund 800 Plätze. Von 1962 bis 2010 wurden auch rund 96 000 Aussiedler aus anderen Staaten aufgenommen.

Die jeweilige politische Linie der DDR-Führung habe sich auch in Marienfelde niedergeschlagen, heißt es in der Erinnerungsstätte. Als die SED 1984 schlagartig rund 30 000 Bürger ausreisen ließ, seien es auf einmal wieder so viele Bewohner auf Zeit gewesen wie in den 50er Jahren. Und in der Nacht des Mauerfalls vom 9. November 1989 kamen mehr als 400 Menschen. »Da wurden Zelte im Innenhof aufgestellt, um den Ansturm zu bewältigen«, sagt Effner.

Seit Dezember 2010 werden die Häuser vom Internationalen Bund im Auftrag des Landes Berlin genutzt. In dem Übergangswohnheim leben rund 600 Flüchtlinge und Asylbewerber aus 20 Nationen. Nur das Ankunfts- und Verwaltungsgebäude des Notaufnahmelagers ist nun Erinnerungsort und zentrales deutsches Museum zu Flucht und Ausreise aus der DDR.

Besucher können nicht nur in damalige Flüchtlingszimmer schauen, wo auch alte Koffer an die bewegten Zeiten im geteilten Deutschland erinnern. Zu sehen sind auch eine mobile Taufschale, das Foto von einer Hochzeit in Marienfelde oder die Lagerordnung, die es verbietet, im Bett zu rauchen.

Es habe in Marienfelde auch Unsicherheit und Misstrauen gegeben, erzählt Effner. Wird es gelingen, im Westen Fuß zu fassen? Viele hatten auch Angst vor Spitzeln. »Die Stasi war hier sehr aktiv, das wissen wir heute«, sagt die 41-Jährige. Nach dem Mauerfall wurde der Fall eines Juristen bekannt, der in Marienfelde arbeitete und über Jahre hinweg Informationen über Flüchtlinge und Namen von Helfern an die DDR-Staatssicherheit weitergab.

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