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Niveau ohne Grenzen

25 Jahre »Lettre International«

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es war ein Mitstudent aus Frankfurt, der mir von dieser neuen Zeitschrift erzählte: großformatig und anspruchsvoll sei sie. Ein gedankenvoller Blick über den damals noch vom Kalten Krieg gefärbten westeuropäischen Tellerrand. Einsichten vermittelnd und inspirierend, lobte er. Lies sie, sagte er. 25 Jahre ist das her. Nach wie vor klug dem Zeitgeist trotzend und ihn gleichzeitig fordernd und fördernd gibt es sie immer noch: »Lettre International«.

»Niveau ohne Grenzen« titelt die jüngste Ausgabe stolz. Nummer 100 ist soeben erschienen. Ein pralles Kompendium mit Rückblicken und Zukunftsperspektiven. Herzlicher Glückwunsch zu diesem erfolgreichen, ewig anachronistischen und hochaktuellen Experiment!

Den Anfang machte die französische »Lettre International«, initiiert vom tschechischen Autor und Übersetzer Antonin Liehm, mit ihrer Erstausgabe 1984 in Paris. 1985 folgte die italienische, 1986 die spanische Edition. 1988, als die Mauer schon anfing zu bröckeln, wagte sich auch die deutsche »Lettre International« auf den Markt. Ihr Gründer und Chefredakteur Frank Berberich wollte eine Zeitschrift, die »die Öffentlichkeit erweitern sollte.« Die Zeitschrift sollte etwas Neues sein, das nicht nur normativem, sondern tatsächlich internationalem Denken Raum geben würde, erläutert er rückblickend. »Wir wollten ein Fenster aufmachen und Elemente in die deutsche Publizistik einführen, die es bis dahin nicht gab.«

»Lettre International« wollte »die Denkideen anderer Kulturen sichtbar, das Wissen von Intellektuellen zugänglich machen, und zwar aus erster Hand, nicht über die Analysen Dritter vermittelt«, betont Berberich. Inspiriert von der Tradition des französischen homme de lettre und der britischen Reportagetradition, sollte ein »benutzbares« Magazin entstehen: »Ins Café mitnehmen, lesen, wegwerfen. Und die Gedanken bleiben im Kopf, als Nahrung.« Eine eminent politische, kämpferische und unbestechliche Publikation. »Lettre International« ist von und für Kosmopoliten geschrieben, Menschen, die Weltoffenheit und Toleranz nicht nur als politische Blaupause oder Worthülse begreifen, sondern als geistige Herausforderung. 3000 Texte aus über einhundert Ländern wurden veröffentlicht. Zu den Autoren zählen große Namen, darunter zahlreiche, die bereits Texte lieferten, bevor sie berühmt wurden. Slavoj Zizek, Michael Riklin, Abdelwahab Meddeb, Nicolas Shakespeare, Bruce Chatwin sind nur einige von ihnen.

Das Magazin organisierte einen europäischen Essaywettbewerb und stiftete den Ulysses Award für die Kunst der literarischen Reportage. Sie lud Dereck Walcott, Urvashi Butalia und andere Weltenbürger zum Dialog nach Deutschland, dokumentierte das Downing Street Memorandum, und damit die wahren Hintergründe des Irakkriegs, und organisierte in der belagerten bosnischen Hauptstadt eine Hommage à Sarajewo. Sie entdeckte Godard als Maler und begleitete einen Scharfschützen in Afghanistan.

Auf höchstem intellektuellen Niveau dreimonatlich über ein Vierteljahrhundert lang regelmäßig zu publizieren erscheint geradezu cervantesk. Zwischenzeitlich gab es neun europäische Ausgaben. Die »Weltillustrierte« erscheint heute noch in Berlin, Rom, Madrid, Bukarest und gelegentlich in Kopenhagen. Die »Wette auf die Intelligenz des Lesers«, mit der die Jubiläumsausgabe beworben wird, hat sich also ausgezahlt. Lettre Nr. 100 präsentiert Heinz Bude zur Generationengerechtigkeit, Bora Cosic über den Apfel, Liao Yiwu und die Elegie der Zeit, ein letztes Gespräch mit dem kürzlich verstorbenen Stéphane Hessel, Boris Groys zur Originalität der zeitgenössischen Kunst, Antonio Tabucchis Reflexionen über Literatur als Raum der Freiheit und viele anregende Artikel mehr.

Der Kongress, bei dem am 26. Mai 1988 die erste Nummer in Berlin vorgestellt wurde, trug den optimistischen Titel »Ein Traum für Europa«. Man spürte die Hoffnung und den Willen, die Bipolarität der Nachkriegsjahre hinter sich zu lassen. Unerschrockenheit, Neugier, Experimentierlust prägten schon optisch das Profil des neuen Mediums, das sich redaktionell und finanziell unabhängig im Land etablieren wollte. Ein hehres Ziel, das heute, in einer Zeit, in der die bipolare Ruhe durch multipolare Unruhe abgelöst wurde, in der Effizienz und Geschwindigkeit, und Glamour im Alltag, das Leben aller beherrschen, kaum einfacher zu erreichen ist als damals. Mehr denn je steht das Ich weit vor dem Wir. Mehr denn je gilt bedächtiges Streben nach neuen Denkansätzen und Interpretationsmöglichkeiten als geradezu unschicklicher Luxus. Kultursponsoring gibt es, natürlich. Große Konzerne lieben ihre CSR- Programme, die Corporate Social Responsibility. Doch Nachfragen, Rückfragen, Hinterfragen finden in dieser Zeit genauso schwer ihre Plattform, wie in den späten 1980er Jahren. Da gilt es hartnäckig und kreativ zu beharren. »Lettre International« ist eine Möglichkeit, wie genau das aussehen kann. Möge dem Magazin ein langes Zeitungsleben beschieden sein!

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