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Geschichte: Schreibung? Erzählung

Ullrich Kasten 75

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 2 Min.

Einer der großen Dokumentafilmer des 20. Jahrhunderts, Joris Ivens, hat ihm sehr früh gesagt: Du hast nur eine Aufgabe - ein Thema und dessen Form! Wer das verinnerlicht, wird Ästhet der Einseitigkeit, wird unfähig für Flexibilitäten, kann im laufenden Geschäft des Fernsehens nur Eigenbrötler werden, der lieber maniriert wirkt als konform zu sein. Hohes Qualitätsmerkmal: nicht verwendungsfähig für Dokusoap und Zeitzeugeninflation.

Autor und Regisseur Ullrich H. Kasten - ab 1962 DDR-Fernsehen, dann ORB und rbb, seit Jahren freischaffend - ist Grimme-Preisträger. Wirklichkeit - erfindet er. Eine gefährliche Aussage über jemanden, der in seinen Essays und Porträts doch der Zeitgeschichte verpflichtet ist.

Adorno sprach von einer besonders gefassten »Heiterkeit« der künstlerischen Weltbetrachtung: » ... der Realität entronnen, gleichwohl von ihr durchdrungen«. Das ist jener Widerspruch, der auch Kastens Arbeit wurde und den ich als Mitarbeiter an einigen seiner Filme erleben durfte. Er recherchiert Realität, Geschichte - um sie in unbequeme, sperrige, zugespitzte Assoziationen zu entführen. Missverständnis, das Fragen (auch an seine Sicht) befeuert, ist ihm lieber als Einverständnis mit gestandenen, verfestigten Antworten.

Zu beweisen ist nichts, zu erzählen alles. Das macht keine Not geringer, aber alle Not erträglicher. Also erzählt Kasten. Von Brigitte Reimann oder Arnolt Bronnen, von Johannes R. Becher und Victor Klemperer, von Peter Weiss und der Theaterdynastie der Langhoffs. Er drehte Filme über Hitler und Mussolini und Stalin und Molotow und Lenin, schuf Filme über die Mauer, über die DEFA, über »Theater in Berlin«.

Das Was und das Wer sind in diesen Filmen stets einem ausgefeilten Wie ausgesetzt. Objektive Sicht? Nein. Das wäre ihm Täuschung, Selbstbetrug, vielleicht sogar Lüge. Wäre vor allem eines: eine Unmöglichkeit. Objektivität im Geschichtsbetrachten gibt es nicht, im schlimmsten Falle ist es ein Versuch, das eigene Weltbild gegen unliebsame Einsprüche zu behaupten. Stefan Zweig: »Ungerechtigkeit bei der Betrachtung historischer Gestalten ist ein Schlüssel, um ihnen gerecht zu werden, denn: Eigensinn, ob gut oder böse - er spaltet oder ist nicht vorhanden.«

Am morgigen Sonntag wird Ullrich H.Kasten 75 Jahre alt.

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