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Donnerstag ist Kloßtag!

Wie es in Thüringens Saale-Orla-Kreis gelang, den Zuspruch für das Schulessen deutlich zu erhöhen

  • Von Harald Lachmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Auch im ostthüringischen Saale-Orla-Kreis war die Teilnahme an der Schulspeisung lange Zeit rückläufig. Seit sich jedoch ein bundesweit beachtetes EU-Projekt des Themas annahm, gibt es erfreuliche Trends hin zu gesunden und zugleich regionalem Essen. Oft mangelt es aber nun noch an »genießbaren« Speisesälen. Völlig unbegreiflich ist den Akteuren, dass der Staat für Kinderessen 19 Prozent Mehrwertsteuer erhebt.

»Der Appetit kommt mit dem Essen«, besagt eine Volksweisheit. Doch mit dieser Weisheit ist es wohl nicht mehr so weit her, schaut man, wie viele deutsche Kinder sich heute der Schulspeisung verweigern. Auch im thüringischen Saale-Orla-Kreis kennt man dies seit der Wende: Derweil Grundschüler zumeist noch mitessen, schmähen die höheren Semester ihre Schulkantine. »In mancher Regelschule nimmt bei den älteren Klassenstufen gerade noch jeder Zehnte an der Schulspeisung teil«, erzählt Alexander Pilling.

Doch seit zwei, drei Jahren bessert sich dies, essen im Landkreis wieder 800 Schüler mehr mit - »gerade bei den Acht- bis Zehntklässlern«, freut sich Pilling. Der Sozialpsychologe koordiniert mit Partner Sören Kube seit 2009 das Projekt »Schulessen Saale-Orla - Regional, Gesund und Gut«, das erst jüngst zur Grünen Woche bundesweit Beachtung fand. Oberste Priorität habe dabei, so Pilling, dass mehr Kids in der Schule einerseits etwas Gutes und Gesundes aufgetischt bekommen, das andererseits nicht erst Stunden über Fernstraßen tourte. Das Projekt garte in der Ideenküche der LEADER-Aktionsgruppe Saale-Orla e.V., in der lokale Akteure vor allem Rezepte kreieren, wie sich ihre ländliche Region weiter beleben lässt. Als finanzgewaltiger Mäzen bracht sich die EU ein.

Die Macher schauten in allen 38 staatlichen Schulen des Kreises, ob es Schulessen gibt, wer es kocht und wie alles organisiert ist. Es folgten Workshops, Projektwochen, Kontaktrunden. Dabei merkten sie auch schnell, dass ostdeutsche Agrarbetriebe nicht so ganz zwingend auf Abnehmer um die Ecke angewiesen sind: »Sie können halt am Weltmarkt konkurrieren.« Auch mangelt es oft noch an der Logistik.

Dennoch betreiben Genossenschaften wie die Agrofarm Knau oder die Landgenossenschaft Dittersdorf schon seit Generationen das, was Pilling nun »in die Fläche bringen« will: Gemeinschaftsküchen auch für Fremdfirmen, Altenheime, Schulen und Kitas in ihrem Umkreis - und zwar auf Basis eigener Agrarprodukte. In Dittersdorf sind dies Rind- und Schweinefleisch, Kartoffeln und Milcherzeugnisse, die oft selbst veredelt und in der eigenen Küche in Tegau auch für täglich 1600 Mittagsportionen verwendet werden. Was die Bauern nicht selbst anbauen oder schlachten, kaufen sie meist in der Region zu.

Gut 600 Portionen fährt man so täglich auch an fünf Schultresen. Pilling nennt dies allein von der Dimension her eindrucksvoll: »Die Dittersdorfer haben damit jetzt schon eine größere Bedeutung für den Kreis als die beiden europaweiten Schulessenanbieter Sodexo und Apetito.« Energisch lehnt er jede »europäische Zentrallösung« ab. Dieser fehle es nicht zuletzt an »Authentizität und Nähe« - bis dahin, dass man bei regionalen Versorgern auch mal in Stall oder Küche schauen könne. Ganz zu schweigen von regionalen Eigenheiten, wie sie in Thüringen halt unumstößlich sind. »Donnerstag etwa ist Kloßtag!«, lacht Sylvia Hoffmann, die die Küche in Tegau leitet. Wie soll das ein Großlieferant auf die Reihe bringen?

Zum Team der Küchenmeisterin gehören drei gelernte Köche. Weit über hundert Gerichte haben sie problemlos drauf - viele ohne Fleisch, wie es für Kinderkost geboten ist. Man liefert an jede Schule täglich drei verschiedene warme Mahlzeiten, gibt das Essen auch selbst aus. Momentan steckt der Agrarbetrieb zudem eine halbe Million in moderne Kühl- und Klimatechnik. So versteht man Heike Futter, Vermarktungschefin der Genossenschaft, wenn sie sagt: »Wir müssen Tag für Tag überlegen, wie wir gutes Essen so an die Kinder bringen, dass wir dabei nicht draufzahlen.« Denn mehr als 2,50 Euro pro Portion könne und wolle man nicht nehmen - doch auch davon wären noch 19 Prozent Mehrwertsteuer fällig. Bei diesem Thema kann sie rasend werden: »19 Prozent für Kinderessen! Da brauchen wir doch nicht weiterreden ...!«

Auch Küchenchefin Hoffmann nennt dies »einen Hammer! Eigentlich müsste das steuerbefreit sein.« So aber erhebe der Staat vom Dönermann an der Ecke, von jedem Nobellokal und selbst für Hundefutter nur sieben Prozent - für Schulessen dagegen fast das Dreifache. Und von jenen 2,03 Euro pro Portion, die dann noch bleiben, müssten Löhne, Produktkosten, Transport, Bewirtschaftung in den Schulen, Energie, Wasser usw. beglichen werden.

Dennoch geht es vorwärts mit dem EU-Projekt an Saale und Orla. Peu à peu etablierten sich im Kreis wieder 14 regionale Schulessenanbieter. Die französische Sodexo Group, die erst im Herbst wegen krankmachender Erdbeeren in die Schlagzeilen geriet, sei dagegen »fast raus«, registriert Pilling. Er weiß aber auch: Schulessen ist eben mehr als Nahrungsaufnahme: dunkle, enge, laute, kalte oder unappetitliche Speiseräume schlagen leicht auf den Magen. Ober auch zu eng bemessene Pausen. »Diese Zeit ist im Schulalltag oft nicht mehr vorgesehen«, beobachtet Pilling noch zu oft. Zuweilen habe man, als Schulen schlossen und andere damit mehr Schüler bekamen, Mensen sogar in Fachkabinette umfunktioniert.

Auch damit erklärt sich wohl, dass noch immer gut 60 Prozent der 6800 Schüler im Landkreis nicht mitessen. Doch es gab auch zwei Wettbewerbe, die positive Beispiele popularisierten. »Vom Speiseraum zum Schulrestaurant«, hieß einer. Dass dies geht, zeigt die Friedrich Fröbel-Förderschule in Schleiz - auch sie wird von Dittersdorf beliefert. Dort betreibt man eigene Schülerfirmen, die die Zutaten teils selbst anbauen und verarbeiten. Die Lehrer sorgen sich um die Esskultur, und alle zwei Wochen gibt es sogar ein kostenloses Büffet mit Kartoffel-, Nudel- oder Gurkensalat.

Vor allem Kinder aus sozial schwachen Familien, die nicht immer ihr Pausenbrot mitbekommen, nähmen das dankbar an, so Rektorin Silke Richter. So essen in der Fröbelschule heute fast 80 Prozent aller Erst- bis Zehntklässler mit.

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