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Kopf voll, Herz schwer

20 Jahre Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv

Die DDR ist im Archiv verschwunden.« Hallo?! Ich lebe noch, Herr Professor. Und mit mir zwölf Millionen Bürger, die den blauen Pass mit Hammer, Zirkel, Ährenkranz besaßen. Oder sind wir gar noch mehr? Man hätte die Chance nutzen sollen, wenn man schon mal »jwd«, janz weit draußen ist, wie der Berliner sagt. Also im Bundesarchiv in Lichterfelde auf einstigem Kasernengelände. In der dortigen Bibliothek gibt es gewiss auch das letzte Statistische Jahrbuch der DDR. Aus der darin zu findenden Alterspyramide wäre eine exaktere Bestimmung möglich als die hier »pi mal Daumen« vorgenommene. Egal. Jedenfalls steckt einem die DDR - verdammt oder gottlob - noch tief in Mark und Knochen. Gelebtes Leben, das einen nicht loslässt, nicht »vergessen, verharmlost und verklärt« werden kann. Und eben nicht nur eine papierne Hinterlassenschaft ist, wie Horst Möller meint, Ex-Direktor des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, der »täglich glücklich über den Untergang der DDR und die Wiedervereinigung« ist. Das muss anstrengend sein.

Nein, der Herr Professor, Inkarnation der Totalitarismusdoktrin, war keine glückliche Wahl für die Festansprache. Dass Kulturstaatsminister Bernd Neumann um ein Grußwort gebeten wurde, war zu erwarten. Wie auch vom CDU-Politiker wiederholt die Warnung zu vernehmen, die heutige Jugend weise eklatante Bildungslücken auf, könne nicht zwischen Diktatur und Demokratie, Bundesrepublik und DDR unterscheiden und laufe dadurch »Gefahr, in die Fänge linker und rechter Ideologen zu geraten«.

Zwanzig Jahre Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv, kurz: SAPMO, wollte man feiern. Angelika Menne-Haritz, Direktorin der Stiftung, und Michael Hollmann, Präsident des Bundesarchivs, haben geladen. Da der Erich-Posner-Neubau mit größerer Räumlichkeit für Festivitäten noch nicht bezugsfähig ist, musste man sich mit dem Casino begnügen, was nur eine begrenzte Gästezahl gestattete, darunter vornehmlich Instituts- und weitere Archivdirektoren, so Andrea Wettmann vom Sächsischen Staatsarchiv Dresden, und einige Referatsleiter des SAPMO. Die vielen fleißigen Archivmitarbeiter, ohne die kein Forscher dick- oder dünnleibige Bücher verfassen könnte, werden hoffentlich anderweitig entschädigt und geehrt.

Auffallend war auch, dass die maßgeblichen ostdeutschen Akteure, die vor zwanzig Jahren um die Archivalien stritten, nicht anwesend waren. Etwa der damalige PDS-Vorsitzende Gregor Gysi, der DDR-»Bücherminister« Klaus Höpcke oder Günter Benser, letzter Direktor des Instituts für Geschichte der Arbeiterbewegung (vormals Institut für Marxismus-Leninismus, IML), sowie Inge Pardon, die letzte Leiterin des SED-Archivs, des heutigen Herzstücks der SAPMO. Sie und ihre Mitstreiter hatten den Löwenanteil am Kampf um Erhalt und Zusammenhalt sowie für eine sachgerechte Unterbringung und verantwortungsvolle Betreuung der DDR-Archivalien. Eingeladen waren sie, wie versichert wurde.

Den Part, zurückzublicken in dramatische Tage, übernahmen am Dienstag also Hope Harrison von der George Washington University und Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Hope Harrison, die vor zwei Jahren in der Zunft mit ihrem Buch »Ulbrichts Mauer« einen Achtungserfolg erzielte, erinnerte sich an ihre Studien 1990 im SED-Parteiarchiv noch in der Torstraße in Berlins Mitte. Ausländische Forscher durften keine Findbücher einsehen. »Die Archivmitarbeiter waren unsere Findbücher. Sie halfen auch bei der Entzifferung der schwierigen Handschrift von Walter Ulbricht«, dankte die US-Historikerin, die sehr wohl um die seinerzeit unerquickliche Situation der hoch qualifizierten DDR-Archivleute wusste: fragliche Zukunft, eine Flut von Anfragen aus aller Welt und drängelnde Staatsanwälte, die auf der Suche nach gerichtsnotorischen Akten waren. »Mein Kopf war voll und mein Herz schwer«, gestand die mit den Archivmitarbeitern damals barmende Wissenschaftlerin.

Hertle, dem das Bundesarchiv die Aufnahme von »Schabowskis Zettel« vom 9. November 1989 ins Weltkulturerbe verdankt, berichtete, dass sich Anfang der 90er Jahre in der damals noch überschaubaren Schar der Archivbenutzer Freundschaften untereinander wie auch zu den Archivmitarbeitern entwickelten, »die bis heute währen«. Der Autor des Buches »Der Fall der Mauer« (1996) ahnte, dass die personell gute Ausstattung der DDR-Archive nicht zu halten sein werde und fühlte gleichfalls mit den Betroffenen. Dass trotz konträrer Interessen und über Parteigrenzen hinweg sich in der Wissenschaft und im Bundestag Menschen zusammenfanden, die sich gemeinsam für die Stiftung einsetzten, nennt Hertle »ganz ganz großartig«; es kam ihm wie »ein Wunder« vor.

Auch Bernd Faulenbach von der Ruhr-Universität Bochum ist über die am 1. Januar 1993 in Kraft getretene SAPMO-Lösung glücklich. Er reflektierte heftige Diskussionen mit DDR-Bürgerrechtlern, denen die Parteiakten irrelevant erschienen, ebenso mit Bundeskanzler Helmut Kohl, der - ein Missverständnis, da der CDU-Chef auf Stasiakten fixiert war - alle Unterlagen lieber verbrennen lassen wollte. Der Vorsitzende der Historischen Kommission der SPD freut sich zudem, dass SAPMO die Asymmetrie im Zugang von west- und ostdeutschen Akten durchbricht, denn hier lässt sich u. a. die Deutschlandpolitik der Union exakt rekonstruieren. So nützten, wie Hertel frohlockte, CDU und FDP die Beschlagnahmung der Archive ihrer DDR-Pendants nach der »Vereinigung« wenig. Das SED-Parteiarchiv ist sehr auskunftsfreudig.

Unisono betonten die Forscher, dass die Akten der SED wie auch des FDGB, der FDJ, des Kulturbundes und der Urania, der Vereinigung der gegenseitigen Bauernhilfe oder des Deutschen Turn- und Sportbundes etc. wichtiger, spannender, informativer als die Stasi-Papiere sind. Bundesarchivpräsident Hollmann ließ die Gelegenheit nicht verstreichen, in Bezug auf letztere und die darauf hockende, eifersüchtige und eigenbrötlerische Bundesbehörde zu prophezeien: »Am Ende kriegen wir sie doch.«

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