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Den Besten überlegen

Das 4:0 des FC Bayern gegen Barcelona lässt München feiern und die Fußballwelt staunen und schwärmen

  • Von Jirka Grahl, München
  • Lesedauer: 4 Min.

Auch ein »Halbfinale dahoam« kann sehr glücklich machen, wie es von Dienstag zu Mittwoch auf den Münchener Straßen zu erleben war. Allerorten saßen die Leute in dieser milden Nacht vor den Kneipen: schulterklopfend, ausgelassen, übermütig, berührt. 4:0 im Halbfinale gegen den FC Barcelona - das Leben kann so schön sein, dank des FC Bayern München, der am Abend so hinreißenden Fußball geboten hatte und nun wohl nur noch mit höherer Gewalt davon abgehalten werden kann, zum dritten Mal innerhalb von vier Jahren ins Finale der Champions League einzuziehen.

Und dank Pay-TV: Dass die Unterhaltungsware Fußball vom Bezahlfernsehen unter Kontrolle gehalten wird, hat die Kultur des Kollektivguckens in Deutschland zu einer alltäglichen Sache gemacht. »Wo guckst Du heute?« war vermutlich eine der meistgesendeten SMS-Inhalte in deutschen Mobilfunknetzen am Dienstag.

In der rotschimmernden Münchener Arena herrschte am Dienstagabend bei Sonnenuntergang eine ziemlich fiebrige Stimmung: 68 000 Leute waren vor dem Anpfiff noch hin- und hergerissen. Von der Aussicht auf ein verheißungsvolles Spiel, vom Wissen um den Götze-Transfer, von der Ungewissheit, ob Schweinsteiger, Müller, Lahm und Co. wirklich so stark sind, wie es in dieser Saison bisher erschienen war. Würde es gegen die beste Klubmannschaft der Welt reichen?

Dazu die jüngsten Präsidenten-News: Steuerhinterzieher Uli Hoeneß sei nur wegen einer Kautionszahlung auf freiem Fuß, hatte die »Süddeutsche Zeitung« am Nachmittag gemeldet. Der freie Mann kam dennoch ins Stadion - und es gab bemitleidenswerte Reporter, die allein mit der Aufgabe betraut waren, den »Doppelmoralapostel« (SZ) mit dem rot-weißen Schal zu beobachten, der in seiner Loge vier Tore feiern konnte. Zwei von Thomas Müller (25., 82.) sowie je eins von Mario Gomez (49.) und Arjen Robben (73.).

Wie souverän die Münchener Mannschaft vorging, verzückte die Zuschauer im Stadion und vor den Bildschirmen weltweit. In Italien schwärmte »Gazzetta dello Sport«: »Bayern ist ein Fußball-Sturm. Wie unaufhaltsam der ist, hat man schon gegen Juve gesehen. Nun hat er seine Majestät Messi und Barcelona hinweggefegt. Bayern ist die Referenzklasse des europäischen Fußballs.« In England ergötzte sich der »Telegraph« am Bayern-Spiel: »Das war brutal und schön zugleich. Die Bayern-Maschine in höchster Vollendung.« Auch Marca, das Hausblatt der ewigen Barca-Rivalen aus Madrid war begeistert: »Bayern München hat seine außergewöhnliche Überlegenheit bewiesen.«

Schneller, zweikampfhärter, effektiver - gegen diese Bayern wirkte der katalanische Ballbesitzfußball plötzlich obsolet. Die Ballbesitzquote von Barca war zwar gewohnt hoch - allein, wofür? Ein Pass hierhin, ein Pass dorthin, in den Bayern-Strafraum aber gelangte das sternengeschmückte Spielgerät nicht. Bayerns Spanier Javi Martinez, mit 40 Millionen Euro übrigens teurer als »Jahrhundertverpflichtung« Mario Götze, tat eben das, wofür er geholt worden war: Er langte Barcas Strategen Xavi und Andres Iniesta unnachgiebig dazwischen und vermieste den Tausendfüßern derart das Spiel, dass die Katalanen nur zwei Torschüsse zustande brachten - durch Marc Bartra und Lionel Messi. Der Dauerweltfußballer konnte nach Oberschenkelproblemen kaum trainieren, gegen den deutschen Meister reichte ein müder Messi nicht.

Stattdessen die Bayern: Kraftstrotzend im Auftreten, explosiv beim Umschalten von Abwehr auf Angriff, aber eben auch umgekehrt. Franck Ribery war überall zu sehen, irrte sogar mal vor Neuer durch den eigenen Strafraum. Er berannte wie aufgezogen den Rasen, der nach ausgiebiger Wässerung ungewöhnlich rutschig war. Ein Trick? Bayern-Sprecher Markus Hörwick erklärte, eine Stunde vor Anpfiff habe man mit der UEFA und Barcelona-Vertretern das Wässern beschlossen - wie es die Regeln besagen.

Auf dem glänzenden Untergrund kamen die glanzvollen Bayern dieser Saison besser zurecht. Götze muss sich im Herbst auf harte Konkurrenz gefasst machen. Robben, Müller, Ribery - dazu der verletzte Toni Kroos: Wen Neu-Trainer Pep Guardiola wohl hintanstellen wird?

Noch-Trainer Jupp Heynckes kann sich wohl auf sein drittes Endspiel freuen - bei seiner dritten Teilnahme in der Champions League (1998 gewann er mit Real Madrid, 2012 ging das Finale mit den Bayern verloren). Nach Gründen für den Sieg befragt, wiederholte er das Mantra der Gegneranalyse. »Man muss gegen den FC Barcelona einen Plan haben, die Spieler haben das überragend umgesetzt«, so der nüchterne Heynckes. Dazu ein Hinweis auf staubtrockene pädagogische Methodik: Er habe all sein Wissen per Powerpoint an die Spieler weitergereicht. Nur einmal ließ der 67-Jährige Gefühle aufkommen: Dieser »grandiose Sieg« sei zu verdanken: dem Klub, den Fans, den Spielern und dem Präsidenten, der bekanntlich auch sein Freund sei. Mehr habe er dazu nicht zu sagen.

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