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In irritierend fremder Welt

Christian Haller lässt einen Fotografen an seinem Selbstbild zweifeln

Clemens Lang, der Ich-Erzähler in diesem Roman, ist Fotograf und wird zu einer internationalen Tagung in eine ferne Stadt eingeladen - wohin genau, bleibt dem Leser bis zum Schluss verborgen, mutmaßlich Pakistan oder Indien. Dort soll er Proben seines Werks vorstellen, und er ergreift sogleich die Chance, aus seiner gewohnten Alltäglichkeit auszubrechen.

Doch die Merkwürdigkeiten beginnen schon auf dem Flughafen, wo ihm ein alter Mann begegnet, der fortan die Bezeichnung Causeur trägt, und Lang auf seiner Reise begleiten wird.

In der fremden Stadt fühlt sich der Fotograf unbehaust und zunehmend unwohl, findet keinen rechten Zugang zur Tagung und ihren Referenten, hadert auch mit sich selbst, weil er unentschlossen ist, was er den Teilnehmern überhaupt präsentieren soll.

So streift und schlendert er durch die Metropole, wird zunehmend von der eigenen Vergangenheit und der seiner Eltern eingeholt; dabei hat er Déja-vu-Erlebnisse und vergiftet sich schließlich, nachdem er von einer alten Frau am Wegrand eine »fettige Kugel«, ein Gebäck, angenommen hat.

Im Krankenhaus wird er von Fieberträumen heimgesucht, in denen er Stationen seiner Biografie zu sehen glaubt, mit dem Causeur Unterhaltungen pflegt - und dadurch natürlich die Präsentation seiner Fotos verpasst. Er fliegt zurück nach Hause in die Schweiz und zu seiner Gefährtin, ordnet seine Fotografien und legt ein Portfolio an: Schnappschüsse aus einer irritierend fremden Welt sind darunter - nur der seltsame Fremde, der Causeur, ist auf keinem einzigen Foto zu finden.

Wovon Haller im anspielungs- und beziehungsreichen Subtext seines Romans berichtet, sind ganz grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis von Kunst und Realität, nach einer - durchaus mimetisch verstandenen - Fotografie, die Ab-bilder schafft, und einer Wirklichkeit, die diffus, kontingent und chaotisch ausschaut.

Dabei lässt er konträre Positionen im Gespräch aufeinandertreffen: In Gestalt des Causeurs werden alteuropäische Traditionen und ein entsprechendes humanistisches Gedankengut eingebracht. Dagegen versteht es Clemens Lang als seine fotografische Aufgabe, den bedeutungsvollen Augenblick festzuhalten, in Bilderfolgen eine mögliche Narration des Lebens zu gestalten. Und für den jungen Wissenschaftler Lutz Zäuner, einen unbedingten Vertreter der Digitalisierung, ist es jetzt technisch erstmals möglich, reversible Bilder zu schaffen, d. h. also rundum: Wirklichkeit aufzuheben.

Haller gelingt es auf beeindruckende Weise, die unterschiedlichen Diskurse miteinander zu verbinden: Kunst und Wissenschaft, Erinnerungskultur und krude Lebenspraxis - schließlich die Frage nach dem richtigen Leben. Clemens Lang wird dies alles deutlich vor Augen gerückt, als er seine vertraute Umgebung verlässt, um in der Fremde die eigene Fremdheit zu erfahren, den Boden unter den Füßen zu verlieren und aus der Bahn zu geraten. Nicht zuletzt auch im Blick aufs eigene fotografische Schaffen, dessen Selbstsicherheit ihm nach der Reise abhanden gekommen ist.

In den Worten einer anderen, ebenfalls zwielichtigen Figur des Romans, des stellvertretenden Ministers, der die Tagung eröffnet hat, um dann in ein Krankenhaus eingeliefert zu werden: »Wir sind Erzählungen, große, kleine - doch Erzählungen. Wir sind Erzählungen, die wir über uns machen, die andere über uns machen, Geschichten von Menschen, die ich bin, und von Menschen, die ich nicht geworden bin. Aber ich muss Ihnen etwas anvertrauen, das die Ärzte nicht verstehen können, mich aber so sehr quält, dass ich nicht mehr schlafen kann: Was geschieht, wenn es den nicht mehr gibt, der die Geschichte erfunden hat, den Schöpfer, und es nur noch Stellvertreter gibt, aber niemanden mehr, den sie vertreten?«

Ein beeindruckender Roman und ein beunruhigendes Buch.

Christian Haller: Der seltsame Fremde. Roman. Luchterhand,. 384 S., geb., 22,99 €.

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