Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Immer länger krank

Depressionen häufigste psychische Erkrankung / Burn-Out nur Randphänomen

  • Von Marlene Göring
  • Lesedauer: 3 Min.

Berliner sind zwar im bundesweiten Vergleich seltener krank, dafür aber länger. 14,1 Tage war jeder Einwohner der Hauptstadt 2012 krankgeschrieben. Das vermeldet der DAK-Gesundheitsreport 2013, der gestern von der Krankenkasse vorgestellt wurde. Für den Bericht wertete das IGES Institut die Daten von über 105 000 erwerbstätigen Berliner DAK-Versicherten aus.

Besonders häufig sind in der Hauptstadt psychische Erkrankungen. Nur in Hamburg und im Saarland fehlen Beschäftigte noch häufiger wegen seelischer Leiden. Insgesamt sollen 2012 so vier Millionen Fehltage zusammengekommen sein. Zwar sind Muskel- und Skeletterkrankungen und Atemwegskrankheiten wie Schnupfen und Husten immer noch die Hauptursache für Krankschreibungen. Allerdings sei die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Störungen in den letzten zwölf Jahren um 24 Prozent gestiegen - während der Krankenstand insgesamt weiterhin leicht sinkt. »Das ist bei weitem die auffälligste Entwicklung, die wir beobachten können«, sagt Susanne Hildebrandt vom IGES Institut. In anderen Teilen Deutschlands sei der Anstieg sogar noch stärker ausgefallen. Das läge aber vor allem daran, dass Berlin schon längere Zeit hohe Werte bei Krankschreibungen aufgrund psychischer Erkrankungen aufweise. Im letzten Jahr habe das Robert Koch Institut ermittelt, das fast jeder vierte männliche und jeder dritte weibliche Erwachsene 2011 unter einer psychischen Störung litt.

Kai Treichel, Geschäftsführer der Ärztehaus Friedrichshain Management GmbH und Mitglied der Psychiatrie Initiative Berlin Brandenburg (PIBB), relativiert die Zahlen: »Viele derer, die heute wegen psychischer Erkrankungen zu Hause bleiben, wurden früher wegen Rücken- oder Magenbeschwerden krankgeschrieben.« Insgesamt seien Ärzte und Patienten heute offener im Umgang mit seelischen Leiden, auch die gesellschaftliche Akzeptanz sei gestiegen. Trotzdem bleiben sie Stigma, vor allem in der Selbstwahrnehmung: 40 Prozent aller Beschäftigten würden eine psychische Erkrankung für sich behalten, wie der Gesundheitsreport zeigt.

Auch wenn der Anstieg durch den veränderten Umgang mit ihnen erklärbar sei, seien psychische Störungen nicht zu unterschätzen, betont Susanne Hildebrandt. »Sie sind problematisch, weil sie so lange dauern«, sagt sie. 33 Tage dauere es im Schnitt, bis ein erkrankter Arbeitnehmer wieder in den Beruf zurückkehren kann. Deshalb würden Depressionen und andere seelische Leiden besonders hohen wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Das Phänomen Burn-Out sei aber »ganz bestimmt keine Volkskrankheit«, hieß es von den Experten. Bis zu 1000-prozentigen Anstieg der Fälle hätten Zeitungen in jüngster Zeit vermeldet. »In Wirklichkeit ist Burn-Out keine Schlagzeile wert«, sagte Astrid Fricke, Leiterin des DAK-Regionalzentrums Berlin. Die starke Zunahme in der Krankenstatistik sei darauf zurückzuführen, dass das »Ausbrennen« erst seit kurzem als solches diagnostiziert wird - auch, weil es gesellschaftlich anerkannter sei als eine Depression. Tatsächlich nehmen arbeitsbezogene Störungen einen letzten Platz knapp vor suchtbedingten Erkrankungen und Schizophrenie ein - während Depressionen und emotionale Reaktionen auf schwere Belastungen, wie der Verlust eines Menschen, in Berlin mit Abstand am häufigsten psychische Ursache für Krankschreibung sind.

Ebenfalls entgegen der öffentlichen Wahrnehmung konnte der Gesundheitsbericht keine Zunahme eines Zwangs zu ständiger Erreichbarkeit für Arbeitnehmer feststellen. Nur etwa zwölf Prozent der Beschäftigten werden demnach außerhalb der Arbeitszeit dienstlich angerufen, etwa 20 Prozent lesen ihre E-Mail, viele davon einfach »aus Neugier«. »Das ist nur eine kleine Gruppe, die aber ein hohes Risiko trägt«, sagte IGES-Projektleiterin Hildebrandt. Schon ein »mittleres Ausmaß an Erreichbarkeit« reiche aus, um die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung zu erhöhen. Jeder vierte, der ständig erreichbar ist, leide an einer Depression.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln