Wirrwarr um Wolkenatlas

Deutscher Filmpreis

  • Von Katharina Dockhorn
  • Lesedauer: 3 Min.

Debütfilm kontra Hollywood - auf diesen Nenner lässt sich das Duell um die heute Abend verliehene Lola, den Deutschen Filmpreis 2013, bringen. Auf der einen Seite steht mit neun Nominierungen die Verfilmung des amerikanischen Bestsellers »Der Wolkenatlas« durch Tom Tykwer und die Wachowski-Brüder - mehr als 100 Millionen Euro Budget, davon 15 Millionen Fördergelder. Auf der anderen der Berlin-Film »Oh Boy«, Produktionskosten 300 000 Euro, mit acht Nominierungen.

Außenseiter-Chancen hat »Hannah Arendt« von Margarethe von Trotta. Mit im Rennen ist auch »Lore« der Australierin Cate Shortland - sie hat die Geschichte einer Teenagerin, die im Deutschland des Jahres 1945 Orientierung sucht, in Deutsch gedreht. Und ist so für die Lola qualifiziert.

Dass in diesem Jahr mit »Hannah Arendt« und »Wolkenatlas« zwei englischsprachige Filme unter den sechs Nominierten sind und zwei von Regisseuren ohne deutschen Pass inszeniert wurden, hat die Diskussion um das Wesen des deutschen Films wieder aufflammen lassen.

Wirtschaftlich ist die Definition klar. Wenn 20 Prozent des Budgets aus Deutschland stammen, ist es ein deutscher Film. So hat »Die fabelhafte Welt der Amelie« ein »Deutsches Ursprungszeugnis« und den heimischen Marktanteil an der Kinokasse erhöht. Auch »Operation Walküre« mit Tom Cruise oder Tarantinos »Inglorious Basterds« ließen ihn nach oben schnellen. Bei der Lola aber waren diese Koproduktionen von Studio Babelsberg ebenso nur Zaungäste wie die Bestseller-Adaption »Der Vorleser« durch den Briten Stephen Daldry oder vor Jahren Roman Polanskis Meisterwerk »Der Pianist«. Damals weigerte sich die zuständige Kulturstaatsministerin Christina Weiß sogar, Polanski mit einer Ehren-Lola auszuzeichnen.

2005 übernahm die Deutsche Filmakademie die Verantwortung für die Kür der Lola-Gewinner. Damit allzu abwegige Koproduktionen nicht mehr kandidieren können, verfeinerte die Filmakademie Jahr für Jahr ihre Regeln. Nur das Shakespeare-Drama »Anonymous« rutschte im Vorjahr in die Endauswahl - dank des deutschen Passes von Regisseur Roland Emmerich.

»Wolkenatlas« ist ein Grenzfall, da entweder in deutscher Sprache gedreht oder der Regisseur »dem deutschen Kulturkreis« angehören muss. Da neben Tom Tykwer zwei amerikanische Regisseure hinter dem Mammutprojekt stehen, musste der Vorstand der Filmakademie entscheiden. Sie ließ den Film zu, ließ sich dies aber von Kulturstaatsminister Bernd Neumann absegnen.

Für Außenstehende ist das Wirrwarr kaum nachzuvollziehen. Ärgerlich ist für viele engagierte Filmproduzenten, dass an den Lolas Geld für den Dreh des nächsten Films hängt. Die Wachowskis werden bald in Chicago arbeiten, Tykwer wird alleine von der Nominierung mit 250 000 Euro profitieren, die sich bei Gewinn der Goldenen Lola auf 500 000 Euro verdoppeln.

Keiner will seine Leistung oder die seines Produzenten Stefan Arndt schmälern. Aber mit der Einreichung des nach Hollywood-Standards gedrehten Films blockieren sie die Auszeichnung ambitionierter Nachwuchsregisseure.

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