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Der Weltgeist vom Balkan

Dimiter Gotscheff wird 70

Seinen 70. Geburtstag zu feiern wird Dimiter Gotscheff kaum Zeit haben. Höchstens ein Wodka zwischendurch, das wird schon gehen, passt auch zu dem Stück, in dessen Endproben er gerade steckt: Heiner Müllers »Zement« nach Fjodor Gladkows Roman. Diese Art frühe Sowjetliteratur beim Wort zu nehmen, ist vermutlich nicht das, was die Münchner gern sehen wollen.

Darum bekommen sie nun die Chance, sich zu korrigieren. In derartiger Korrektur übrigens liegt mit Müller/Gotscheff die eigentliche Utopie der Geschichte.

Müller über dieses Stück: »Sozialismus in einem unterentwickelten Land hieß Kolonisierung der eigenen Bevölkerung.« Darum geht es in »Zement«: um den Terror des Neuen. Denkt man die Frage weiter, könnte man dann auch die Globalisierungsfrage stellen und folgern, Demokratie in einem unterwickelten Land sei nur eine Form der Kolonisierung? Denken muss alle Tabus hinter sich lassen, sonst ist es bloß eine entbehrliche Meinung mehr im Meinungsmeer.

Dimiter Gotscheff, am 26. April 1943 in Parwomaj geboren, mit seinem Vater, einem Tierarzt, 1962 in die DDR gekommen, wo er anfangs ebenfalls Veterinärmedizin, dann Theaterwissenschaften studierte, Schüler von Benno Besson und Assistent bei Fritz Marquardt wurde, arbeitet heute aus einem immer noch starken Impuls heraus: der Begegnung mit Heiner Müller. 1964 schrieb dieser gerade seinen »Philoktet«, der Gotscheff die Dinge fortan anders sehen ließ. In Müller steckt mehr Shakespeare als Brecht: der Sinn für die Gewalt von Geschichte, die große Mythenmaschine, die Menschen frisst; zuallererst jene, die meinen, Herren der Geschichte zu sein. Die Zeit ist bei Müller immer aus den Fugen, in ihren Ritzen wächst die Tragödie ständig wieder nach. Als Dimiter Gotscheff 1983 »Philoktet« in Bulgarien inszenierte, schrieb ihm Müller jenen berühmten Brief, in dem es heißt: »Wenn die Diskotheken verlassen und die Akademien verödet sind, wird das Schweigen des Theaters wieder gehört werden, das der Grund seiner Sprache ist.«

Das ist auch die Quelle, aus der Gotscheff schöpft. Niemand sage, sie sei nicht verschmutzt, dafür gab es in den Zeiten reichlich Gelegenheit. Aber was es heißt, sie zu reinigen, indem man sich selbst reinigt von den viel zu vielen Worten, den ach so wichtigen Nebenschauplätzen, die Energie abziehen, statt sie zu erneuern, das kann man in Gotscheffs Inszenierungen immer aufs Neue besichtigen, vor allem an seinem bevorzugten Haus, dem Deutschen Theater Berlin - von »Krankenzimmer Nr. 6« nach Tschechow bis »Shakespeare. Spiele für Mörder, Opfer und sonstige«. Wenige Regisseure sind so arbeitsam wie er, vielleicht auch, weil er um den Wert der Pausen weiß. Aber zwei, drei, manchmal sogar vier Inszenierungen im Jahr, das gehört zur Lebensform des Theatermenschen Gotscheff.

Wie beginnt überhaupt Neues? Nicht mit einem großen Schritt, nicht mit dem Zerbrechen jeder Tradition, das wäre bloß eitel und unergiebig, die alte Falle, in der sich die Avantgarde verfängt. Das Neue beginnt, indem man dem längst Bekannten etwas ablauscht, was einen selbst verwundert. Das Wissen, dass das Alte gar nicht so alt ist, wenn man es nur recht bedenkt.

So wie Dimiter Gotscheff an sich selbst immer noch etwas entdeckt, was ihn erstaunt. Er liest Shakespeare, Tschechow oder Heiner Müller fortgesetzt mit jener Verblüffung, die konstatiert: Das ist ja gar nicht vergangen, das fängt erst an! - Wie jeder, dem es ernst mit dem Neuen ist, pflegt er das Alte, lauscht den längst bekannten Texten nach, den Worten, den Silben darin. Wer etwas sagen will, muss zuvor hinhören, was gesprochen wird, selbst dann, wenn alles schweigt. Gotscheff inszeniert wie ein alter bulgarischer Bauer, der weiß: Wer ernten will, muss säen.

Dieser Regisseur erwartet immer etwas von einem Stück, von seinen Schauspielern, den beiden bevorzugten Bühnenbildnern Mark Lammert und Katrin Brack. Und weil das so ist, muss er die Erwartungen anderer auch enttäuschen. Wer den Dingen lange nachlauscht, der beginnt etwas zu hören, was anderen Ohren ungewohnt klingt, was anderen Augen befremdlich scheint. Gotscheff hat ein intimes Verhältnis zum Ursprung des Wortes: zum Gestischen. Der Mund formt den Laut, bevor dieser hörbar wird. Den Augenblick gilt es nicht zu verpassen. Um diese Archetypik kreist das Theater Dimiter Gotscheffs. Der Ursprung zeigt sich im Moment des Sprunges: Absprung in eine Form, die im Springen erst entsteht. So nähert sich Gotscheff auch Müller, der die deutsche Geschichte sezierte: mit dem Fragment als Skalpell.

Trifft man Dimiter Gotscheff das erste Mal zum Gespräch (mit oder ohne Wodka, aber immer mit Zigarette), ist man irritiert, wie wenig dabei geredet wird - und wie stark dieses wenige in einem nachwirkt. Das wichtigste am Sprechen, lernt man bei Gotscheff, sind die Pausen. In ihnen bereitet sich das Gesagte vor, den Körper zu verlassen und ein Eigenleben zu führen. Das ist zugleich das Prinzip seiner Regie. Die ausgesprochenen Wörter werden gleichsam probehalber zu Grabe gelegt. Oder wie Heiner Müller sagt, den Gotscheff wie kein zweiter Regisseur in diesem Land versteht: »Man muss die Toten ausgraben, wieder und wieder, denn nur aus ihnen kann man Zukunft beziehen.«

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