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Schöne, bunte Startup-Welt

In Berlin boomen mittelständische Computerfirmen, denen jedoch Fachkräfte zur weiteren Expansion fehlen

Die »Lounge« der IT-Firma »GameDuell« in Berlin-Mitte ist im ehemaligen Fernsehstudio der SAT.1-Sendung »ran« untergebracht. Wo bis 2003 wöchentlich die Fußball-Bundesligaspiele im Showformat aufbereitet wurden, können sich heute die Mitarbeiter des boomenden Startups zum Kaffee auf rote Ledersofas zurückziehen - oder zum Poolbillard. Den mit rotem Samt bezogenen Tisch hat die Geschäftsführung als Belohnung für gute Arbeitsergebnisse spendiert, erzählt der Mitgründer von »GameDuell«, Boris Wasmuth. Am Vormittag ist der Poolbillardtisch jedoch verwaist, die Mitarbeiter der Firma stecken in Teambesprechungen oder sitzen in 1400 Euro teuren »Sitting-Machines« genannten Schreibtischstühlen an Computern.

Die Startup-Welt von »GameDuell« ist bunt - und »schön profitabel«, wie Boris Wasmuth betont. Genaue Zahlen zu Umsätzen möchte der »Managing Director Marketing« zwar nicht machen. Doch bei 80 Millionen Nutzern der Spiele-Produkte in der ganzen Welt brummt der Laden. Das Unternehmen steht stellvertretend für den Boom in der Branche, die Berlin sogar den Ruf eines neuen Sillicon Valley eingebracht hat. Im Jahr 2003 als kleine Wohnzimmerklitsche mit drei Leuten gestartet, hat »GameDuell« inzwischen über 200 Angestellte.

Die Firma, auf ihrem Gebiet Weltmarkführer, verdient ihr Geld in der Hauptsache mit der Produktion von Spielen, die übers Internet gespielt werden können. Neben digitalen Varianten klassischer Kartenspiele wie Skat gibt es auch Brettspiele wie »Mensch ärgere dich nicht« oder Backgammon in einer Onlineversion. Ziel des Unternehmens ist es, die Spieler langfristig zu binden. Das heißt auch, dass die Onlinespiele 24 Stunden am Tag im Netz zur Verfügung stehen müssen. Damit das klappt, müssen natürlich auch die Mitarbeiter der Firma Tag und Nacht arbeiten.

Verbergen sich hinter der schönen, bunten Fassade also besonders harte Arbeitsbedingungen? Das mit durchschnittlich 26 Jahren sehr junge und zudem sehr internationale Team bei »GameDuell« scheint hochzufrieden. »Ich will hier gar nicht mehr weg«, sagt Anna Grosfeld, die Projektleiterin Mobilgames. Zu den Lohnbedingungen will sich Boris Wasmuth, der Mitgründer, indes nicht so gerne konkret äußern. »Man verdient in der Internet- und Gamesbranche besser als in anderen Branchen, außer vielleicht der Autobranche«, sagt Wasmuth, der selbst lieber den »Spaß, die agilen Methoden und das internationale Umfeld« der Spielebranche hervorhebt.

Die IG Metall, die für die IT-Branche zuständig ist, sieht die »Entgeltentwicklung« in der Branche dagegen deutlich hinter der Metall- und Elektroindustrie zurückbleiben. Vor allem seien die Entgeltsteigerungen in den tarifgebundenen Betrieben deutlich höher als in den nicht tarifgebundenen, betont die Gewerkschaft.

Für die Berliner Politik sind am gestrigen Donnerstag jedoch weniger die Löhne das Thema denn die wirtschaftliche Entwicklung. Erfolgreiche Startups wie »GameDuell« sind wichtig, weil sie wirtschaftliche Dynamik für die Zukunft versprechen - und Arbeitsplätze. Deshalb statteten gestern auch Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD), SPD-Fraktionschef Raed Saleh sowie IHK-Präsident Eric Schweitzer Firmen aus diesem Wirtschaftszweig einen Besuch ab. Bei der Stippvisite ging es in erster Linie um die Probleme der Unternehmer. »Mir ist es wichtig, von Gründern aus erster Hand zu erfahren, wo sie der Schuh drückt und wie die Politik der jungen Kreativwirtschaft helfen kann«, sagt Finanzsenator Ulrich Nußbaum.

Die Liste der Nöte der Unternehmer ist lang: Eine andere Steuergesetzgebung zählt genauso dazu wie generell vernünftige Rahmenbedingungen. Bisher konnte Berlin im internationalen Wettbewerb um IT-Spezialisten vor allem mit seinen vergleichsweise günstigen Lebensunterhaltungskosten punkten. Manchmal sind es jedoch auch scheinbar kleine Probleme, die die Unternehmer stören. »Es gibt im Zentrum der Stadt zu wenig Kitaplätze, und wenn wie in Zehlendorf die Europaschule flächenmäßig stark verkleinert wird, ist das ein falsches Signal an die internationalen Mitarbeiter«, sagt Ruediger Baumann. Er ist Geschäftsführer von »Zimory«, einem weiteren Startup, das seinen Sitz am Alexanderplatz hat. Das Unternehmen will ebenfalls massiv einstellen, findet derzeit aber nur schwer die begehrten Experten.

Die Botschaft kommt an. »Was der Mittelstand bemängelt, muss man ernstnehmen«, sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende Raed Saleh, der selber ein Medienunternehmen besitzt. Der aufstrebende Politiker will sich kümmern. Kita-Ausbau sei ein klarer Schwerpunkt der Senatskoalition, so Saleh.

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