»Lauft!«

Peer Steinbrück macht sich den Genossen in Baden-Württemberg sympathisch

  • Von Gesa von Leesen, Filderstadt
  • Lesedauer: 4 Min.
Bei der Südwest-SPD hat Kanzlerkandidat Steinbrück für Aufbruchsstimmung gesorgt. Seine schnoddrige Art und die scharfen Angriffe auf die Kanzlerin kamen bei den Schwaben und Badenern an. Nun sollen motivierte Sozialdemokraten in Dörfern und Städten von Tür zu Tür gehen, um Wähler zu mobilisieren.

Knapp 400 Sozialdemokraten waren angereist, um sich auf den Bundestagwahlkampf vorzubereiten: Gemeinde- und Stadträte, Ortsvereinsvorsitzende und treue Mitglieder, die seit 40 Jahren vor jeder Wahl ohne Murren Infostände auf dem Wochenmarkt betreuen. Die Basis also. Ohne sie, das weiß die SPD-Führung, lässt sich ein Wahlkampf nicht in Gang bringen. Erst Recht nicht der anstehende, schließlich sei die Bundestagswahl am 22. September »eine Richtungswahl«, wie Spitzenkandidat Peer Steinbrück auch an diesem Samstag in Filderstadt, südlich von Stuttgart, wieder verkündete.

Die Basis hat lange gedarbt. Viele SPD-Mitglieder haderten mit ihrer Partei, waren nur unter Schmerzen dabei geblieben, als Gerhard Schröder mittels »Basta« seine Agenda-Politik durchsetzte. Doch die Zeiten sollen vorbei sein. Am SPD-Wahlprogramm durfte die Basis mitarbeiten, man hat ein paar Fehler eingestanden, wie die einst geförderte Leiharbeit und die Senkung der Kapitalertragssteuer. Die SPD will wieder die Partei der sozialen Gerechtigkeit sein. Es hat gedauert, bis die Spitzengenossen sich selbst einigermaßen davon überzeugt haben, nun steht der schwierigere Teil an: Die Basis und vor allem die Wähler sollen das auch glauben.

Hinderlich sind da die aktuellen Umfragen, die je nach Institut die SPD zwischen mageren 24 und 28 Prozent verorten. So betonten sowohl der Südwest-Spitzenkandidat Gernot Erler als auch der Landesvorsitzende und Finanzminister Nils Schmid, das Rennen sei offen. Erler hat sich dazu was ausgerechnet: Verfehlen Piraten und Alternative für Deutschland den Einzug in den Bundestag, könnten bis zu zehn Prozent der Wählerstimmen nicht in Mandate fließen. Sein Fazit, bezogen auf die aktuellen Umfragewerte: »Drei Prozent mehr für die SPD und zwei Prozent mehr für die Grünen würden für eine rot-grüne Gestaltungsmehrheit reichen.«

Bevor Peer Steinbrück für Elan sorgen konnte, stand Arbeit auf dem Programm. In Workshops ging es unter anderem um Hausbesuche. Vier Millionen davon hat die Zentrale in Berlin als Ziel ausgegeben und weil die 299 Direktkandidaten das kaum alleine schaffen, muss die Basis mit ran. Die Regeln: nicht morgens und nicht abends klingeln, keine Sonnenbrille, kein Kaugummi, kein Handy und wenn man es in die Wohnung geschafft hat, keine Grundsatzdiskussionen führen, den politischen Gegner nicht schlecht reden. Der Bundestagsabgeordnete Martin Gerster aus Oberschwaben-Allgäu berichtete von seinen praktischen Erfahrungen: »Die rote Rose ist Pflicht. Man hat tolle Reaktionen, wenn man die überreicht.« Da rufe so manche oberschwäbische Hausfrau: »Seit 40 Jahren habe ich keine roten Rosen mehr bekommen!« Außerdem komme die rote Rose in eine Vase und so werde eine Woche lang jeder Besuch fragen: »Wo hascht denn du die rote Rose her?« »Ha, der Herr Gerschter war do.« Gerster: »Die rote Rose ist ein toller Multiplikator.«

Gegen 15 Uhr rückte Peer Steinbrück ein und endlich waberte ein Hauch von Begeisterung durch die Halle. Die 400 Besucher standen auf, klatschten Steinbrück vor bis zum Rednerpult. Knapp eine Stunde feuerte der seine Parteifreunde an, je länger er redete, desto mehr feuerte er und desto mehr Zwischenapplaus gab es. Neues erzählte der Merkel-Herausforderer nicht: Aufstieg durch Bildung ermöglichen, Arbeit fair bezahlen, Mindestlohn, gute Pflege, gerechtere und höhere Steuern. Vor allem Letzteres werde die Wahlkämpfer auf eine harte Probe stellen, prognostizierte Steinbrück: »Fünf Monate lang wird es jetzt heißen: Die SPD kommt mit der kalten Hand und nimmt euch euer Häuschen weg und die Unternehmer werden alle auswandern. Aber wir können argumentieren, warum wir Steuern erhöhen wollen.« Der Staat brauche mehr Geld wegen der Schuldenbremse, für die Bildung, für die Infrastruktur und für die Kommunen. Auf keinen Fall habe die SPD »die Absicht, in die Substanz der Unternehmen einzugreifen«. Das musste Steinbrück sagen, hatten doch gerade Nils Schmid und Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) einen Brief an ihre Parteileitungen geschrieben, in dem sie vor zu hohen Steuern für den Mittelstand warnten - und beim Begriff »Mittelstand« erstarrt in Baden-Württemberg sofort alles in Ehrfurcht, ist doch im Ländle der Mythos vom fleißigen und ehrlichen Familienunternehmer extrem lebendig. Also beruhigte Steinbrück die Gemüter und setzte dann zum Motivationsschlussspurt an: »Die SPD gewinnt, wenn wir mobilisieren. Bei einer Wahlbeteiligung 77 oder mehr Prozent ist die SPD viel mehr in der Lage, Leute aus dem Wartesaal abzuholen als die Union. Die Menschen sind neugierig. Wir müssen an die Klingelbretter. Wir müssen laufen. Meine Bitte: Lauft! Vielen Dank.« Minutenlange stehende Ovationen, selig lächelnde Gesichter.

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