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Im Frack auf der Baustelle

Eine Uraufführung nebst Arbeiterliedern und -suppe am 1. Mai im Konzerthaus

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Schön verrückt. Im hehren Hause eine Baustelle ohne Gerüst, mit Arbeiterliedern, einer spanischen Arbeitersuppe, in der Pause gratis gereicht von einer Esskultur-Firma, eher zum Trost. Vorab im fast vollen Werner-Otto-Saal, zum Staunen der »Genossinnen und Genossen«, wie Arno Lücker, der Moderator und Konzeptionist des Nachmittags, die Leute kampferprobt ansprach, ein steiler (geiler) Riemen neuer Musik, destruktiv, hammermäßig. Diese Herausforderung musste erst mal verkraftet werden, ehe die Arbeiterlieder zum »Kampftag der Werktätigen« wie Öl in die Ohren liefen.

Jenes Kunstwerk, an die 40 Minuten dauerte es, stammt von Bernhard Lang, dem umtriebigen Österreicher mit Spiegelglatze, findig am Pult die Regler betätigend, dessen Naturell es ist, durch schmeichlerische Provokation ins Geschäft zu kommen, wider die Interessen der Arbeiterklasse, und darüber die Bühnen in Wien, Schwetzingen, Berlin und so fort zu erobern. Kurzum: »Baustelle Songbook« lieferte etwas, an dem alles unrevolutionär falsch und zugleich konstruktiv vergnüglich schien.

Konstruktivistisch der Titel der Bernhard-Lang-Uraufführung (ein Auftrag des Konzerthauses) »DW 16e - Songbook I« für Stimme, Saxofon, Synthesizer und Drum-Set. »DW« bedeutet dabei »Differenzen, Wiederholungen«. Lang ist zwar klein, aber absoluter Vertreter dieser beiden Kategorien, wozu unbedingt noch das Verharren, die Langatmigkeit, das Überflüssige und die Langeweile zählen. Dabei schienen die fünf Teile dem Ohr ausgehört bis zum Letzten. Darin muss jede Note kommen. Dass kein Dirigent vor Ort war, ist sicher den Kosten geschuldet. Der Pegel dieses 1.-Mai-Nachmittags musste flachgehalten werden.

Lang sagt im Moderatoren-Gespräch, sein »Songbook« sei die Aufarbeitung von Songs seiner Jugend (70er Jahre), er wolle sie in neue Lichter der Wahrnehmung tauchen. Nun, das ist seine Privatsache. Und als Privatissimum wälzte sich das Werk dann auch durch den Nachmittag. Genial gesetzt die überlange Fermate irgendwo. Da glaubte das eigene Schlitzohr schon, die Musik verstumme vorzeitig. Nichts dergleichen. Augenblicklich feuert danach die Superpower von »Burning Sister«, Teil IV, aus allen Rohren.

Der letzte Teil »Another Door ... For Jenny« (womit eine jung verstorbene Kollegin gemeint ist) berührte komischerweise. Er jongliert aufs Empfindlichste mit Intervallen, beginnend mit Quarte, dann Quinte, Sekunde, Prime und wieder zurück. Markant die Sopranstimme der Polin Agata Zubel, über rhythmisch schwierige Stellen half sie dirigierend hinweg. Achtung vor diesem »Trauersatz«. Lang kann was. Leider legt er es zu sehr auf Effekte an. Dabei heißt es doch: Jeder Effekt im Kunstwerk ist Lug, also einer zu viel.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Die spanische Arbeitersuppe schmeckte, wie gesagt. Dann die Arbeiterlieder, vorgetragen von Mathias Monrad Møller in festlicher Montur - Frack mit Chemisett und weißer Fliege. Aufs Auge passte dazu das Eisler-Lied »Ohne Kapitalisten geht es besser« (Text: Kuba). Der dänische Tenor, knabenhaft anzusehen, sang seine Revue, als würde er Brahms-Lieder auf blumengeschmücktem Podium singen. Ehrlich, naiv, nicht ohne Augenzwinkern, mit entwaffnenden Klarheit.

Das Marschlied für Chor »Roter Wedding« (Zorn- und Aufrufstück auf den Blutmai 1929) sang er wie »Sah ein Knab ein Röslein stehn«. Und das haute - komischweise - hin. Den Schwulst von Eislers »Das Wunderland« (Text: Becher) kehrte er hervor. So stimmte das schwache Lied wieder. Jaja, »Das Gute wird besser werden«, wie es in Eislers »Über die Elbe« sentimental heißt, auf ewig sei Dank dem »Sieg der Sowjetsoldaten«. So empfand es die DDR-Gründerklasse 1949. Heroische Illusionen, verweht, vergessen.

Zurückhaltend der Beifall. Der Moderator hatte sich schon zuvor aus dem Nachmittag gestohlen.

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