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Beim Tribunal gegen die Kriegsverbrecher des Nazi-Regimes 1945 / 46 wurde erstmals simultan gedolmetscht

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 6 Min.
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Sprachlich »ins kalte Wasser geworfen« wurde Elisabeth Heyward mehr als einmal in ihrem Leben. Geboren in St. Petersburg, siedelt sie mit ihren Eltern nach Berlin um, später nach Paris, wo sie eine französische Schulbildung genießt. Zuhause wird Russisch gesprochen oder Deutsch, auf der Handelsakademie lernt sie Englisch.

Es sind bereits mehrere Verhandlungsmonate in Nürnberg vergangen, als ein beim Tribunal tätiger Kollege Elisabeth Heyward für den Gerichtshof empfiehlt. Sie wird als Dolmetscherin ins Team aufgenommen. Noch am Tag ihrer Ankunft stellt sie auf der Besuchergalerie überrascht fest, dass in Nürnberg simultan gedolmetscht wird. Dies hatte sie bis dahin weder gesehen noch für möglich gehalten. Ohne weitere Einführung oder Schulung sitzt sie am nächsten Tag mit Kopfhörern hinter dem Mikrofon im Saal.

Am 20. November 1945 begann das Hauptverfahren der Nürnberger Prozesse. Die Welt blickte auf den Justizpalast jener Stadt, die die Nazis zu einer der ihren erkoren hatten und die nun in Trümmern lag. Es waren denkwürdige elf Monate, in denen die alliierte Gerichtsbarkeit der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der Sowjetunion 24 führenden Köpfen des Naziregimes, darunter Göring, Heß, Kaltenbrunner, Keitel, Ribbentrop, Schacht, Speer und Streicher, den Prozess machte.

Die Nürnberger Prozesse waren nicht nur juristisches Neuland, sondern auch ein gigantisches Medienereignis. Damals modernste Technik kam bei der Beweisführung zum Einsatz und ermöglichte Interessierten in aller Welt, via Rundfunk und Fernsehen die Verhandlungen zu verfolgen. Und sie wurden zur Geburtsstunde eines völlig neuen Berufs: Zum ersten Mal wurde simultan gedolmetscht, um den Prozess in deutscher, englischer, französischer und russischer Sprache führen zu können.

Wo aber sollten die Dolmetscher herkommen, um 218 Verhandlungstage in langen Sitzungen dafür zu sorgen, dass Verfahrensbeteiligte, Journalisten und Zuschauer alles verstehen würden? Es gab Sprachkundige, deutsche Juden und andere Naziverfolgte, die im Exil gelebt hatten und zweisprachig geworden waren. Zu ihnen zählte der ehemalige Sportreporter Harry Sperber. Es gab auch erfahrene oder ausgebildete Sprachmittler, wie Stefan F. Horn oder Marie-France Skuncke. Sie hatten am ETI in Genf, der zu der Zeit einzigen Dolmetscherakademie, studiert oder bereits in internationalen Organisationen gearbeitet. Andere wurden in Belgien, den Niederlanden oder bei der immer schon mehrsprachig funktionierenden Telefonvermittlung in Paris rekrutiert.

Doch der Dolmetschmodus war auf internationaler Bühne nie simultan gewesen: Nie hatte es eine synchrone Übertragung vom gesprochenen Wort gegeben. Vor Nürnberg wurde konsekutiv gearbeitet: Jemand sprach, der Dolmetscher hörte zu, machte sich Notizen und übersetzte im Anschluss in eine andere Sprache. Wenn zeitgleich gedolmetscht wurde, dann nur, wenn das Vorgetragene den Sprachmittlern schriftlich ausformuliert und bereits übersetzt vorlag. Niemand wusste, ob ein Mensch überhaupt in der Lage wäre, spontan simultan zu dolmetschen, und viele - darunter nicht wenige erfahrene Dolmetscher selbst - hatten enorme Zweifel daran, dass ein menschliches Gehirn zu dieser Leistung fähig ist. Überdies stellte sich die Frage der Überprüfbarkeit: Würde das, was vor Gericht simultan gedolmetscht wurde, überhaupt richtig übersetzt sein? Und was sollte geschehen, wenn ein Dolmetscher etwas nicht verstand - akustisch oder weil ihm ein Begriff nicht bekannt war?

Um die Arbeitsbelastung in erträglichem Rahmen zu halten, sollten die Dolmetscher in Nürnberg grundsätzlich nur in eine Richtung arbeiten. Bei vier Verhandlungssprachen bedeutete dies, dass immer zwölf Dolmetscher Dienst hatten, zwölf waren »in Bereitschaft« und zwölf sollten sich erholen oder das Team der Übersetzer und Korrektoren unterstützen, die an der mehrsprachigen Dokumentation der Verfahrensprotokolle arbeiteten. Die »Betreuung« im Gerichtssaal übernahm ein »Monitor«, der darauf achtete, dass niemand ausfiel oder der, falls nötig, Hilfestellung gab.

Léon Dostert, der Dolmetscher General Eisenhowers, wurde mit der Organisation der Teams beauftragt. In den USA halfen das War Department und das State Department bei der Suche. In Europa kontaktierte man das Genfer ETI. Die russische Delegation brachte ihre eigenen Dolmetscher mit. Manche konnten ihre Eignung vor Ort in simulierten Verfahren (Mock Trials) testen. Etlichen aber ging es wie Elisabeth Heyward: Kaum angekommen, schickte man sie in den Gerichtssaal, sie mussten sofort loslegen. Patricia Vander Elst schilderte ihre Erfahrung später wie folgt: »Die Tinte unter meinem Diplom war kaum trocken, als ich mich auf den Weg nach Nürnberg machte. Es war mein erster Job und auch, obwohl ich das damals noch nicht wusste, mein größter. … Ich verbrachte zunächst eine Woche auf der Tribüne und verfolgte die Verhandlungen. Dann, nach einem kurzen Test in der Kabine während der Mittagspause wurde mir gesagt, dass es am nächsten Tag ernst würde. Ich hatte das Gefühl, dass es nur die Alternative gab: Untergehen oder schwimmen. Ich schwamm.«

Die technischen Einrichtungen waren im Vergleich zu heute rudimentär: Als »Kabinen« dienten Arbeitsplätze mit nach oben offenen Glasabtrennungen. Die Dolmetscher waren gezwungen, extrem leise zu sprechen. Frédéric Treidell sagte später: »Wir mussten das Mikro fast verschlucken, um die anderen nicht zu stören.« Hinzu kam die psychische Belastung. Armand Jacoubovitch, Edith Coliver, Richard W. Sonnenfeldt oder Siegfried Ramler waren selbst Opfer der Nazis, mussten fliehen und hatten Angehörige in den Vernichtungslagern verloren. Sie dolmetschten die schrecklichsten Fakten, die unendlich traurigen Geschichten der Überlebenden und Zeugen und die teils zynischen, teils grauenvoll von ihrem verbrecherischen Tun überzeugten Nazis. Die meisten Dolmetscher waren sehr jung, viele blieben nur wenige Monate in Nürnberg. Einige konnten es nicht länger ertragen, andere waren nur vorübergehend von ihren vorherigen Arbeitsplätzen freigestellt.

Diese Pioniere einer neuen Profession sind heute fast alle verstorben. Einer der vermutlich letzten noch Lebenden ist der 1914 in Byalistok/Polen geborene Mark A. Priceman. Er hatte im spanischen Bürgerkrieg und nach seiner Emigration als Soldat der US Army im 2. Weltkrieg gekämpft. In Nürnberg wirkte er als Assistent von Léon Dostert.

Ihm und den Dutzenden anderen Sprachmittlern, deren Engagement zu verdanken ist, dass die Nürnberger Prozesse viersprachig stattfinden und dokumentiert werden konnten, widmet das Memorium in Nürnberg in Zusammenarbeit mit dem internationalen Konferenzdolmetscherverband aiic (Association Internationale des Interprètes de Conférence) in diesem Jahr eine Ausstellung und Veranstaltungsreihe. Mit ihrer Arbeit trugen sie dazu bei, dass die Gerechtigkeit am Ende siegen konnte. Und sie legten den Grundstein für einen Beruf, der heute, wenn man kompetent international kommunizieren möchte, unverzichtbar ist.

»Zu Anfang war ich eigentlich nur eine Art Roboter, der die Fragen des Anklägers auf Deutsch wiederholte und die Antworten des Gefangenen ins Englische übersetzte. Dabei versuchte ich, ihre Haltung und Einstellung so genau wie möglich zu vermitteln, um jede Nuance der zweisprachigen Kommunikation zu erfassen.«
Richard W. Sonnenfeldt (1923-2009) in seiner Autobiografie »Mehr als ein Leben«. Er arbeitete vor allem als Chefdolmetscher der amerikanischen Anklage in den Verhören, die den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen vorausgingen.

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