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Wo nicht nur die Mappe zählt

In Sachsen-Anhalt sollen Arbeitsmarkt-»Verlierer« neue Chancen bekommen

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Der Wirtschaft fehlen Fachleute - auch in Sachsen-Anhalt. Im Land wird daher verstärkt versucht, bisher chancenlosen Menschen einen Zugang zur Arbeitswelt zu eröffnen.

Spät, aber nicht zu spät hat es Nils Görisch geschafft: Im Sommer beginnt der junge Mann eine Lehre - sieben Jahre nach Schulschluss. Es ist bisher vieles nicht glatt gelaufen in seinem Leben: Erst warf ihn eine Krankheit aus der Bahn, dann der Tod seiner Mutter. Später bekam er auf Bewerbungen viele Absagen - kein Wunder bei dem nicht eben geradlinigen Lebenslauf. Nils sei, sagt Markus Schwalk, einer jener, die »allein per Bewerbungsmappe kaum eine Chance haben«.

Schwalk ist Geschäftsführer der Akademie Überlingen, eines Bildungsträgers, der verhindern will, dass eine unvorteilhafte Mappe entscheidend ist. Dabei helfen können Einrichtungen wie die von der Akademie betriebene Produktivschule in Wernigerode. Dort wird Jugendlichen mit Schulproblemen oder schwierigen Lebensläufen »sinnstiftendes Lernen« in Werkstätten für Holz, Metall oder Multimedia ermöglicht. Sie gewännen so zum einen Selbstvertrauen, sagt Schwalk: »Es hat schließlich jeder Stärken.« Zudem lernen sie, zielstrebig zu arbeiten. Manche müssten zunächst zu pünktlichem Aufstehen angehalten werden, erzählt Projektleiterin Angela Krinke. Nils glaubt, dass sich das lohnt. Die Arbeit in der Werkstatt sei motivierend: »Dafür stehe ich gern auf.«

Das letzte Netz

Es gibt freilich auch in Sachsen-Anhalt zu viele Menschen, die nicht wissen, wofür sie morgens aus dem Bett steigen sollen. Zwar ist die Arbeitslosenquote zuletzt auf 12,3 Prozent gesunken. Doch fast 50 000 Menschen hatten länger als ein Jahr keinen Job; manche gingen noch nie einer geregelten Tätigkeit nach. In einem Konzept zur Arbeitsmarktpolitik, das im Herbst beschlossen werden soll, warnt das Arbeits- und Sozialministerium vor der »großen Gefahr, dass sich Langzeitarbeitslosigkeit weiter verfestigt« und sogar zu einem »generationenübergreifenden Erfahrungsmuster« werde.

Das Land sucht das zu verhindern und fördert deshalb zahlreiche Programme. »STABIL« heißt eines, das als »letztes Netz« speziell für Jugendliche gedacht ist und aus dessen Topf unter anderem die Produktivschule Wernigerode gefördert wird. Insgesamt nahmen an den STABIL-Projekten seit 2009 3400 Jugendliche teil. Zehn Prozent fanden danach eine Lehre - so wie Nils Görisch, der im Projekt Selbstvertrauen und Beharrlichkeit erwarb und damit einen Arbeitgeber überzeugte. Acht Prozent finden sogar eine feste Stelle.

Förderprogramme für den Arbeitsmarkt gibt es auch in Sachsen-Anhalt seit über 20 Jahren. Vielfach hatten Teilnehmer freilich das Gefühl, in einem Endlos-Kreislauf von Umschulungen, Qualifizierungen und »Maßnahmen« festzustecken. Jetzt freilich hat sich die Lage geändert: Der Wirtschaft gehen die Fachleute aus; viele Lehrstellen können nicht mehr besetzt werden. Zunehmend eröffnen sich so Möglichkeiten für Menschen, die einst keine Chance gehabt hätten.

Allerdings beklagen Unternehmer noch immer lieber die Defizite von Bewerbern, als bei deren Behebung zu helfen; Firmen wie der Elektromaschinenbauer Ramme in Osterwieck, wo der Personalchef Christian Bergmann »nicht auf die Noten, sondern auf Typen« Wert legt, sind eher Ausnahmen. Langzeitarbeitslose auf Grundanforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten, werde daher weiter Aufgabe der öffentlichen Hand bleiben, sagt Arbeits- und Sozialminister Norbert Bischoff (SPD). Sachsen-Anhalt lässt sich das einiges kosten - 65 Millionen Euro, zumeist aus EU-Töpfen, fließen allein 2013 in die Arbeitsmarktpolitik. Künftig sollen dabei freilich die Akzente etwas verändert werden. An der Qualifizierung und Weiterbildung ihres vorhandenen Personals müssen sich die Unternehmen stärker selbst finanziell beteiligen - auch, weil das Land weniger Geld für die Kofinanzierung aufbringen kann, sagt Bischoff. Nachgedacht wird auch über eine stärkere Bündelung der Programme. Zugleich werden für Langzeitarbeitslose neue Ansätze entwickelt - etwa das Konzept der »Familiencoaches«. Die »Trainer« besuchen junge Familien mit Kind oder Alleinerziehende, die teils noch nie eine feste Stelle hatten, um sie zu beraten, zu betreuen und zu motivieren. »Wir fragen sie, wo sie sich gern sähen«, sagt Ulrike Kotschote, eine von drei Coaches im Bördekreis. Gemeinsam würden »Eignungen, Interessen und Möglichkeiten« analysiert, aber auch Hindernisse: »Wir nehmen sie bei der Hand.« Aufgabe der Coaches ist es zum einen, Brücken zu bauen zwischen verschiedenen Stellen, die bisher jeweils unter einem speziellen Aspekt mit diesen Menschen arbeiteten: Jobcenter, Jugendamt, Sozialbehörden. Dabei werde die intensive Betreuung oft als »wertschätzend« empfunden und baue psychologische Hürden ab, ergänzt Kotschotes Kollegin Manuela Fricke: »Wenn wir zu ihnen kommen, müssen wir pünktlich sein, so wie sie sonst auf dem Amt. Das hat einen erzieherischen Effekt.«

Große Nachfrage

Zugleich sind die Coaches quasi auch als Arbeitsvermittler tätig: Sie suchen gezielt potenzielle Arbeitgeber, die Praktika und Arbeitsplätze auf Probe zur Verfügung stellen. Die Firmen werden persönlich angesprochen - weil auch bei diesen Bewerbern eine Bewerbungsmappe wohl nicht zum Erfolg führte. Den Unternehmen wird eine Anstellung durch großzügige Förderung versüßt: Über elf Monate werden bis zu 1440 Euro gezahlt. Das sei »auch für kleine Unternehmen interessant«, heißt es.

Ob das Programm die erhofften Erfolge bringt, ist nach bisher acht Monaten Laufzeit noch unklar. Im Sozialministerium hegt man große Erwartungen. Bis Mitte 2014 sollen landesweit 2280 Familien erreicht und für diese 1400 Probearbeitsplätze gefunden werden. Im Bördekreis ist die Nachfrage schon jetzt groß: Es gebe, sagt eine der Coaches, bereits eine Warteliste.

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