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NSU, ein Anagramm von UNS?

Über das öffentliche Bild der Beate Zschäpe

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Beate Zschäpe, die Normale. Beate Zschäpe, eine von uns? Immer neue Bilder der mutmaßlichen Terroristin kursieren in den Medien. Mal die schüchterne Sechzehnjährige, die verlegen in ihrem Haar spielt. Dann fast wie ein Hippie im Sommer der Liebe: Beate beim Sonne tanken auf Treffen der rechten Szene. Später verwuschelte Schlafzimmerbilder und trautes Heim mit den beiden Uwes. Beate auf dem Campingplatz und ganz neu: Beate beim Aerobic auf Fehmarn.

Zwischendurch immer wieder dieselben Fahndungsbilder: Zur Maske erstarrt, mit grauer Brille und bitterer Miene. Geradezu verstörend da die unlängst veröffentlichten Videoaufnahmen des BKA. Aus beklemmender Nähe wirft sie Blicke ins Objektiv, welche die Medialität des Bildes kurz vergessen lassen. Von der Haft etwas mitgenommen, dreht sie sich zur Gegenüberstellung vor der Kamera. Gut ausgeleuchtet und hochauflösend gefilmt. Dabei scheint sie den Anweisungen eines BKA-Beamten Folge zu leisten. Bitte drehen! Einmal mit Brille, einmal ohne. Zuerst die Totale, dann das Gesicht. Die Kleidung wirkt kindlich. Rosa T-Shirt und Supermarktjeans mit verspielten Applikationen. Die Augen mit Kajal etwas zu scharf nachgezeichnet. Die Frisur herausgewachsen und improvisiert zusammengesteckt. Alles in allem ein Erscheinungsbild, das mehr vertraut als befremdlich wirkt.

Das mag so recht nicht in das Bild einer Terroristin passen. Was aber könnte zu diesem Bild passen? Schwer zu deuten ist der Ausdruck in ihrem Gesicht. Viel, so glaubt man gerne, könne sich an ihrem Blick ablesen lassen. Und doch kann jedweder Deutungsversuch nur in Prosa enden. Alles ließe sich auf das emotionsarme Gesicht projizieren. Einmal festgehalten, dass dort aber kein Monster, sondern ein Mensch steht, kann der deutungsbegabte Kommentator sich der Ergiebigkeit dieser Steilvorlage gewiss sein. Mona Lisa, die mit »ihrem beunruhigenden Fehlen von normaler Sinnlichkeit« Kunsthistoriker und Literaten zu Höhenflügen inspirierte, lässt grüßen.

Immer wieder wird in der Berichterstattung Beate Zschäpes Normalität angerufen. Die NDR-Dokumentation »45 Min: Die Nazi-Morde« ist da nicht der erste Fall. Die »Welt« beispielsweise beschreibt das Bild der jungen Zschäpe als »niedlich, fast harmlos«, in der »Bild« ist sie die »gesellige, junge Frau aus Jena«, dann wieder die »Killerbraut«, wie es gerade passt. Beate, Deckname Lisa (nicht Mona), sei eigentlich »ganz normal«. Besonders kinderlieb sei sie und kümmere sich rührend um ihre Katzen. Gar ein »herzensguter Mensch« sei sie gewesen, so eine Zwickauer Freundin von ihr in der NDR-Dokumentation.

Nun mögen diese Aussagen nicht verwundern. Sie kommen aus dem engen Freundeskreis der Rechtsextremen, der von ihrem Doppelleben aber nichts ahnte. Trotz offensichtlicher rechtsextremer Latenz wird der Zwickauer Freundeskreis in der Dokumentation explizit nicht als rechtes Milieu dargestellt. Immer wieder hätte Zschäpe den Kontakt zu Nachbarn und Freunden außerhalb der Szene gesucht. Sie sei für die »Normalität nach außen« zuständig gewesen, so »SpiegelTV«.

Und genau hier liegt das Problem: Der auch in diesem Freundeskreis herrschende radikal rechte Konsens ist zwar alltäglich, aber keineswegs selbstverständlich. »Es gibt auch ruhige, friedliebende Rechtsextreme«, so eine Freundin von Zschäpe in der Dokumentation. Gemeint ist damit wohl, dass nicht alle Rechtsextremen militant seien und vielleicht, dass diese Gesinnung gebilligt werden könne, solange man es nicht übertreibe. Wo man sich nicht identifiziert, zeigt man doch Verständnis.

Was aber ist daran normal? Die Doku suggeriert Ausländerfeindlichkeit als ostdeutsche Norm. Auch wenn es ein brennendes Problem ist: Es gehört schon eine Portion westdeutscher Arroganz dazu, die Gesamtbevölkerung im Osten Deutschlands unter den Generalverdacht eines geschlossen rechtsradikalen Weltbildes zu stellen. Der soziale Wandel nach der Wiedervereinigung hat mit wachsenden Exklusionsgefühlen gewiss Milieus hervorgebracht, auf die dies zutrifft. Gefühlte Benachteiligung ist ein guter Nährboden für rechtes Gedankengut. Rechtsradikale Überzeugungen sind deshalb aber noch lange kein ostdeutscher Standard. Die Statistiken belegen ein differenzierteres Bild.

Warum aber wird Zschäpe zuerst als normal dargestellt und dann das Bild der Normalität so verschoben, dass es als unentrinnbares Schicksal daherkommt? Warum wird sie überhaupt immer wieder porträtiert, im Gegensatz zu Mundlos und Böhnhardt, die kaum charakterisiert werden? Mit der Tatsache, dass Zschäpe die eingefahrenen Muster von der passiven Nazi-Frau nicht erfüllt, scheinen viele Medienvertreter nicht gut klarzukommen. Immer wieder wird sie als »heiße Braut« der rechten Szene sexualisiert, wild über die Dreiecksbeziehung mit den beiden Uwes spekuliert. Stets wird ihr dabei eine passive Rolle zugeschrieben. Wünscht man sich insgeheim, sie sei mehr Opfer denn Täterin gewesen? Die Vorstellung, eine Frau könne auch Böses wollen, scheint nachhaltig zu irritieren.

Erinnern wir uns im Vergleich an die Darstellung der RAF-Terroristinnen, so dominiert hier ein ganz anderes Bild. Die Frauen wurden nicht viktimisiert. Kein Wort von Tier- oder Kinderliebe. Kaum jemand stellte die Frage, wie aus der netten Pastorentochter eine Terroristin werden konnte. Diese jungen Frauen galten als entfremdet, neurotisch und dann auch noch lesbisch! Vokabeln wie »Flintenweiber« oder schießwütige »Amazonen« dominierten in den Meinungsmedien. Hartnäckig hält sich das eindimensionale Bild von Ulrike Meinhof als Rabenmutter, die getrieben von irrationalem Hass gegen den untreuen Mann beschlossen habe, »die Republik in Brand zu stecken«. Im Deutschen Herbst zeigten die Medien mit Vorliebe Fotos, in denen Meinhof monströs wirkt. Bei der Verhaftung, den Kopf von Polizisten brutal in die Kamera gehalten oder abgemagert und mit abrasierten Augenbrauen in Untersuchungshaft.

Wie als Korrektiv zum medialen Bild fragte das »Jugendbild«, ein Porträt der jungen Ulrike Meinhof in den zarten Verwischungen des Malers Gerhard Richter, nach dem Menschen hinter dem Bild. In Richters berühmten RAF-Zyklus von 1988 gibt es eine Serie mit dem zweideutigen Namen »Gegenüberstellung«. Der Künstler malte Gudrun Ensslin in drei Versionen. Grundlage waren Fotos von einer polizeilichen Gegenüberstellung. Richter stellte die junge, sanft lächelnde Frau in Haftkleidung dem Betrachter gegenüber. Hinter dem Betrachter - eine weitere Gegenüberstellung - hing doppelsinnig das Bild der erhängten Ensslin.

Die Dämonisierung von Terroristen soll möglicherweise die politischen Motivationen kaschieren. Das trifft auf das Bild der NSU-Männer größtenteils zu. Beate Zschäpe wird ihre Menschlichkeit jedoch nicht abgesprochen. Ob damit etwas bezweckt werden soll oder ob es eine Folge traditioneller Vorstellungen über das Gewaltvermögen von Frauen ist, sei dahingestellt. Im Zeitalter der Bildpolitik haben die Bilder sich in unserer Mediengesellschaft so verselbstständigt, dass sie Fakten schaffen. Immer wieder bezeugen Bilder ihre politische Instrumentalität. In der modernen Bildwissenschaft wird argumentiert, zur Rechtfertigung für den Angriff auf den Irak hätten nicht Argumente hergehalten, sondern lediglich die Bilder vom Anschlag auf die Twin Towers. »Pictorial Turn« wird dieser Wandel in der Kommunikation genannt.

Die Darstellungen der mutmaßlichen NSU-Terroristin haben bis dato eine öffentliche Auseinandersetzung mit ihren politischen Motiven nicht gerade begünstigt. Dabei wäre das bitter nötig. Zum Prozessauftakt darf man auf die weitere Bildproduktion mit Aufmerksamkeit blicken.

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