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Im Labyrinth der Justiz

  • Von Yücel Özdemir
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der in der vergangenen Woche nach nur ein paar Stunden vertagte Prozess gegen die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und vier NSU-Helfer soll in dieser Woche fortgesetzt werden. »neues deutschland« kooperiert bei der Berichterstattung mit der linken türkischen Zeitung »Evrensel«. Kollege Yücel Özdemir wird in Kolumnen für »nd« über seine Beobachtungen und Eindrücke informieren.

Vor anderthalb Jahren kam heraus, dass hinter der Mordserie an neun Migranten und einer Polizistin der Nationalsozialistische Untergrund steckt. Der angekündigte Prozessbeginn am 17. April wurde wegen Verfahrensfehler bei der Akkreditierung auf den 6. Mai verschoben. Dann sorgten Befangenheitsanträge der Verteidiger für eine Vertagung auf den 14. Mai. Das heißt der »Jahrhundertprozess« steht noch immer in den Startlöchern.

Dabei waren meine Erwartungen andere, als ich als akkreditierter Korrespondent von »Evrensel« die Fahrt von Köln nach München antrat. Ich ging davon aus, dass mit der Verlesung der Anklageschrift begonnen würde. Doch es kam anders.

Die Vertagung führte nicht nur bei den Opferfamilien, sondern auch bei meinen türkischen Kollegen zu tiefer Enttäuschung. Die taktischen Manöver der Verteidiger im Vorfeld und ihre Befangenheitsanträge am ersten Verhandlungstag lassen die Gefahr, dass dieser Prozess im Labyrinth der Justiz verschwindet, realistisch erscheinen.

Wie viele andere im Saal musste auch ich mit mir kämpfen, um meine Reaktion zu verbergen, als die Angeklagten den Gerichtssaal betraten. Mir standen die Haare zu Berge. Die Verunsicherung über die fehlende Reue der Angeklagten und deren Auftritt als »Verteidiger einer gerechten Sache« stand den Familienangehörigen ins Gesicht geschrieben. Eine Antwort auf die Frage, wie sie sich in diesem Moment fühlen mussten, suchte ich zunächst vergebens. Doch fand ich sie am Abend bei Gesprächen im türkischen Konsulat.

Ismail Yozgat, Vater des in Kassel ermordeten Halit Yozgat sagte: »Im Saal sah ich weder die Anwälte und Richter, noch die Pressevertreter. Ich sah nur die Mörder meines Sohnes.«

Elif Kubasik, die Ehefrau des Dortmunder Opfers Mehmet Kubasik, antwortete auf meine Frage, was sie gefühlt habe, als Zschäpe in den Saal kam: »Ich biss die Zähne zusammen, um nicht zu weinen. Es war mir so, als wollte sie sagen: ›Seht her, ich bereue nichts!‹ Ich wollte aber stark sein und unterdrückte meine Gefühle.«

Die Tochter von Ismail Yasar, der in Nürnberg ermordet wurde, berichtete: »Mit zitterten die Knie, als ich Zschäpe zum ersten Mal sah. Zunächst wollte ich gar nicht ins Gericht. Ich kam doch, um in die Augen der Mörder meines Vaters zu schauen.«

In der Tat muss es für sie alle fast nicht auszuhalten gewesen sein, den mutmaßlichen Mördern ihrer Liebsten gegenüberzustehen und mit ihnen dieselbe Luft zu atmen. Nur wer ein Familienmitglied verloren hat, kann es nachvollziehen. So wie Ismail Yozgat, Elif Kubasik, Semiya Simsek und die anderen. Doch bleibt ihnen nichts anderes als abzuwarten, dass das Gericht sein Urteil spricht.

Deshalb erwartet man auch, dass der Prozess nicht im Labyrinth der Justiz verschwindet und schnellstmöglich abgeschlossen wird. Um das sicherzustellen, dürfen Antifaschisten und Demokraten nicht locker lassen und müssen diesen Prozess mitverfolgen.

Der NSU-Prozess bietet einerseits für die Angehörigen der Opfer und für alle Migranten die Gelegenheit, das verlorene Vertrauen wiederzugewinnen. Andererseits ist heute die Chance da, die Beziehungen der Verfassungsschutzbehörden zu Neonazis bis ins kleinste Detail zu hinterfragen und offenzulegen. Diese Chance darf nicht vertan werden.

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