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Kahlschlag in Löbichau

In Thüringen schließt ein weiteres Druckhaus

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Die Pläne der Zeitungsgruppe Thüringen, ihr Ostthüringer Druckzentrum mit mehr als 100 Mitarbeitern bis Ende 2013 zu schließen, sind bei der Gewerkschaft ver.di auf scharfe Kritik gestoßen. Das Unternehmen hatte seinen Schritt mit dem stark gesunkenen Druckvolumen begründet.

Es war eine Hiobsbotschaft für die betroffenen Beschäftigten, Gewerkschafter und Kommunalpolitiker in Ostthüringen: Die Geschäftsleitung der Zeitungsgruppe Thüringen kündigte in der vergangenen Woche an, ihr Druckzentrum in Löbichau bei Gera bis Jahresende 2013 zu schließen. Davon betroffen sind rund 120 Beschäftigte.

Der Betrieb, der vor allem die Blätter Ostthüringer Zeitung (OTZ), Thüringer Allgemeine (TA), Thüringische Landeszeitung (TLZ) sowie Anzeigenblätter produziert, gehört zur Essener Funke Mediengruppe (NRW). Dieser traditionelle WAZ-Medienkonzern hat als einer der Großen der Republik auf dem Zeitungsmarkt im Ruhrgebiet, im Raum Braunschweig und in Thüringen eine vorherrschende Stellung. Der Betrieb in Löbichau war vor 20 Jahren auf der »grünen Wiese« unweit der Autobahn A 4 entstanden.

Ohne Betriebsrat

»Empört über das eiskalte Abservieren der Beschäftigten« zeigte sich die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Ihr Fachbereich 8 (Medien) forderte die Geschäftsführung auf, Tarifverhandlungen über einen Sozialtarifvertrag aufzunehmen. Ziel dieser Verhandlungen sollen Abfindungen und eine Transfergesellschaft für die betroffenen Arbeiter und Angestellten sein. Darüber hinaus fordert ver.di, dass Beschäftigten aus Löbichau ein Arbeitsplatz im gut 110 Kilometer entfernten Druckzentrum in Erfurt-Bindersleben angeboten wird, das ebenfalls zum Konzern gehört. Nach der Schließung in Löbichau soll ein Großteil der dort bislang gedruckten Presseerzeugnisse in Erfurt hergestellt werden.

»Die betroffenen Menschen dürfen nicht im Regen stehen gelassen werden«, verlangte auch Bodo Ramelow, Chef der Thüringer Linksfraktion, am Wochenende. Er bezeichnete es als »absolut unverständlich, dass ein Druckzentrum, das mit erheblichen Steuergeldern gefördert wurde, nun sang- und klanglos geschlossen werden soll, ohne über Perspektiven oder Alternativen das Gespräch zu führen.«

Die angekündigte Schließung des Löbichauer Druckzentrums ist nicht die erste komplette Stilllegung eines modernen Druckhauses in Thüringen. Ein ähnliches Schicksal ereilte vor drei Jahren auch die Belegschaft der Druckerei der Tageszeitungen Freies Wort, Südthüringer Zeitung und Neue Presse (Coburg) in der Großgemeinde St. Kilian bei Suhl. Ihr Druckhaus gehörte dem Süddeutschen Verlag und der SPD-eigenen Medienholding ddvg. Mit der Schließung wurde die Produktion der Südthüringer Lokalblätter weitgehend nach Bindersleben verlagert.

Im Gegensatz zur Situation seinerzeit in St. Kilian hat die Belegschaft in Löbichau jedoch keinen Betriebsrat, der nun als Verhandlungspartner Ansprüche an Sozialplan, Transfergesellschaft und Abfindungen für den Arbeitsplatzverlust anmelden könnte. Damit ist es in Löbichau schwieriger als in St. Kilian, den Arbeitsplatzverlust mit Zugeständnissen etwas abzufedern. In beiden Fällen dürfte die anhaltende kapitalistische Marktbereinigung und Vernichtung von Überkapazitäten in der Branche eine wesentliche Triebfeder gewesen sein.

Ein Brief der Landrätin

Einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt die Tatsache, dass die Betriebe, die in den 1990er Jahren mit großzügiger öffentlicher Förderung eingerichtet und dann als Leuchttürme gelungener Industrieansiedlung im Rahmen des »Aufbau Ost« gefeiert wurden, ihren Eigentümern jahrelang hohe Gewinne gesichert haben.

Weil sie sich nicht mit industriellem Kahlschlag in ihrem Landkreis Altenburger Land abfinden will, bemühte sich Landrätin Michaele Sojka (LINKE) am Wochenende um Direktkontakt zur Werksleitung in Löbichau. »Wenn Sie eine Chance sehen, Standort und Arbeitsplätze weiter zu erhalten, werden wir Sie mit unseren Behörden gerne unterstützen«, teilte Sojka der Geschäftsführung mit.

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