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Panther, lautlos

Der kommende »Müllermontag« im Brecht-Haus: Der Dichter und seine »Traumtexte«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

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Gut beleumdet ist er nicht, der Montag. Kaltes Motorenöl klebt in seinen Gelenken, die Woche hat noch Blei auf den Augenlidern. Es gibt Anfänge, da ist der Geist nur deshalb weit, weil er schon wieder das Ende träumt. Den kommenden Sonnabend etwa. Das wahre Ende freilich wäre, wenn eine Veranstaltungsreihe »Müllersonnabend« hieße. Nein, es muss schon der Montag sein, da das Knirschende das Lebendigste ist.

»Müllermontag« heißt die lose Veranstaltungsreihe im Literaturforum des Brecht-Hauses, initiiert von der Internationalen Heiner-Müller-Gesellschaft. Als Müller 1995 starb, starb medial »einer der größten deutschen Dichter«. Seither hat das Theater alles Denkbare, also Gedankenlose getan, um dieses Attribut zu bekräftigen: Es spielt immer weniger Müller-Stücke. Einzig Dimiter Gotscheff streicht als einsamer Wolf, mit Mähne vor der Stirn, durch Bühnenlandschaften und reißt hier und da Spielpläne - dass sich eine Wunde auftut, die sehnsüchtig nach Schmerz Müllertexte aufnimmt. Wie ein Felsmassiv einen flehenden kleinen Spreng-Satz. Ach.

Also wenigstens der Montag. Der Müllermontag. Der kommende zum Beispiel: Es geht in Lesung und Gespräch um »Traumtexte«. Der Dramatiker und Lyriker sammelte sein Leben lang Träume, notierte Imaginationsfetzen. Sein berühmtester »Traumtext« entstand 1995: das berührende Bild vom hilflosen Vater, der seine Tochter auf dem Rücken entlang eines schmalen Steges zwischen Betonwand und Wasserbecken trägt. Man liest und stürzt ab in den Assoziationsreichtum. Traum war für Müller: Alles kann, nichts muss sein. So ist Existenz, so ist Geschichte, und darum überhaupt entsteht Schreiben - »die ganze Anstrengung des Schreibens ist, die Qualität der eignen Träume zu erreichen«.

Träume sind die Wahrheit, die wir nicht kontrollieren können. Die Gegenwelt dessen, was sich vor unseren Augen abspielt - und trotzdem sehen wir meist nichts von dem, was real ist. Heiner Müller sah sehr wohl. In »Anatomie Titus Fall of Rome« der glasklare poetische Finalblick auf das, was sein wird, wenn wir aus allen falschen Träumen erwachen: »Die Panther springen lautlos durch die Banken/ Alles wird Ufer wartet auf das Meer/ Im Schlamm der Kanalisation Trompeten/ Die toten Elefanten Hannibals/ Die Späher Attilas gehen als Touristen/ Durch die Museen und beißen in den Marmor/ Messen die Kirchen aus für Pferdeställe/ Und schweifen gierig durch den Supermarkt/ Den Raub der Kolonien den übers Jahr/ Die Hufe ihrer Pferde küssen/ Werden/ Heimholend in das Nichts die Erste Welt.«

Einer der schrecklich-schönsten Texte jüngerer Weltpoesie. Müllers vorgefühlte Séance mit der Zukunft. Abgründe dessen, was zu träumen möglich ist.

27. Mai: Müllermontag: Traumtexte. Lesung und Gespräch. Mit Gerhard Ahrens, Mark Lammert, Peter Staatsmann. 20 Uhr im Brecht-Haus, Chausseestraße 125.

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