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Der Igel stirbt in Großbritannien aus

Auch die Bestände an Singvögeln, Schmetterlingen und Säugern schrumpfen dramatisch

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Nachricht weckt Erinnerungen an die Weissagung der Cree-Indianer: »Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.« Die Nachricht lautet: Die meisten Tierarten auf den Britischen Inseln sehen sich einem anhaltend dramatischen Rückgang ausgesetzt, und der Bestand etwa jeder dritten Spezies hat sich in den letzten 50 Jahren halbiert. Das ist das Fazit einer beispiellosen Studie. Die aktuelle Botschaft zur Lage der Natur wurde von 25 Umweltgruppen erarbeitet. Sie beruht auch auf jahrelangen Zählungen von Millionen Freiwilliger im Lande und zeigt: Egal ob im Wald oder auf Wiesen, in Bächen, Flüssen oder Meer - viele Säuger und Amphibien, Vögel, Fische und Insekten stecken in Schwierigkeiten.

Die Ursachen sind vielfältig, doch der Mensch hat seine Hand fast immer im Spiel. Intensivlandwirtschaft und Einsatz von Pestiziden, Bebauung und Versiegelung von Böden, anhaltender Schwund von Hecken und Wiesen, Überfischung und Klimawandel gehören dazu. Sie haben eine alarmierende Situation geschaffen, die der Londoner »Guardian« so zusammenfasste: »Der Bestand von drei Fünftel der 3148 Spezies, die für die Studie berücksichtigt wurden, hat sich in den vergangenen 50 Jahren verringert, jede zehnte ist vom Aussterben bedroht.« Es gibt auch erfreuliche Entwicklungen, doch sie sind in der Minderzahl. Der Rückgang der Wasserverschmutzung etwa trug dazu bei, dass Otter heute wieder in allen Grafschaften des Landes anzutreffen sind. »Die Pionierstudie ist eine drastische Warnung - aber auch ein Zeichen der Hoffnung«, erklärte der weit über Großbritannien hinaus bekannte Naturforscher und Tierfilmer Sir David Attenborough. Ihn ermutigt vor allem der Umstand, »dass wir ein Netzwerk leidenschaftlicher Umweltschützer besitzen, getragen von Millionen Menschen, die das Tier- und Pflanzenleben in freier Natur lieben«.

Auf und über landwirtschaftlich genutzten Flächen - sie machen drei Viertel im Königreich aus - ist der Vogelbestand seit 1970 um die Hälfte, die Zahl der Schmetterlinge um ein Drittel gesunken. Eine ähnliche Tendenz bei Sommerlerchen. Besonders dramatisch ist die Lage bei einem kleinen Säugetier. Der »Guardian«: »Der Igel verschwindet heute ebenso rasch wie der Tiger.« Doch während große und exotische bestandsgefährdete Tiere wie Tiger und Pandabären nach Ansicht des Ökologen Hugh Warwick »heute vom Status als Hollywood-Berühmtheiten in bestimmtem Maße« profitierten und Aufmerksamkeit auf sich zögen, vollzieht sich der Rückgang anderer Spezies oft unbemerkt - und alarmierend rasch.

Das trifft unter anderem auch auf den Igel zu: Umweltverbände sprechen davon, dass die Schätzung des Igel-Bestands auf 30 Millionen Tiere in den 1950er Jahren zwar zu hoch gewesen sei. Dennoch gebe es einen Rückgang um mindestens 90 Prozent. Allein in den vergangenen zehn Jahren belief sich der Bestandsschwund auf mehr als ein Drittel, so dass heute auf der Insel weniger als eine Million Exemplare davon lebten.

Zwei der Hauptursachen für das stille Verschwinden der beliebten Tiere sind menschengemacht: Viele Igel sterben unter Autoreifen, und in dem Maße, in dem Hecken, Sträucher und andere Rückzugsräume verschwinden, private Gärten andererseits immer mehr terrassiert und gepflastert, beplankt und bebaut werden, werden dem Igel Lebensräume auch in Gärten genommen.

Auch die britische Post macht auf das Problem aufmerksam. Fotos: fotolia

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