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Wie links können Journalisten sein?

  • Von Tom Strohschneider
  • Lesedauer: 3 Min.
Tom Strohschneider ist Chefredakteur des  »neuen deutschland«.
Tom Strohschneider ist Chefredakteur des »neuen deutschland«.

»Wie links können Journalisten sein?«, lautet der Titel eines Büchleins. Es handelt von Pressefreiheit und Profit, vom Sterben vieler Zeitungen und der Macht einiger Medien. »Ist es erlaubt«, liest man im Vorwort, »in diesem Zusammenhang das Wort Herrschaftsstruktur zu benutzen, und wenn das Wort gnädigerweise zugelassen wird, ist dann die bescheidene Frage erlaubt, wer denn wie, wo und womit herrscht oder wer da von wem wie, wo und womit beherrscht wird?«

Geschrieben hat diese Zeilen Heinrich Böll und das Buch, von dem hier die Rede ist, erschien 1972. Seither ist viel geschehen, doch worum es in dem Bändchen geht, ist bis heute aktuell geblieben: Wie muss eine Öffentlichkeit gestaltet sein, um die Bezeichnung demokratisch zu verdienen? Wo und durch wen wird diese demokratische Öffentlichkeit bedroht in einer kapitalistischen Welt, in der noch die kleinste Nachricht Warencharakter annimmt; in der die Grenzen zwischen PR, Politikberatung und Journalismus verschwimmen? Und was kann da eine linke Zeitung ausrichten?

Karl Marx hat einmal gesagt, die erste Freiheit der Presse sei, kein Gewerbe zu sein. Heute zeigt sich, dass es eine wirkliche Freiheit der Medien nicht geben kann, wo gewerbliche Postulate immer stärker durchschlagen. Klar, eine Zeitung muss sich verkaufen. Aber jede davon ist Teil eines Ganzen, das mehr wert ist, als sich in Euro und Cent je ausdrücken lässt.

Dieses Ganze ist zunehmend bedroht. 2012 hat die Zeitungsbranche das dunkelste Jahr ihrer Nachkriegsgeschichte erlebt, die Zahl der erwerbslosen Journalisten ist in den vergangenen zwölf Monaten sechs Mal schneller gestiegen als die der Erwerbslosen insgesamt. Zeitungen schließen, die Konzentration nimmt zu, die Vielfalt weiter ab: Fast die Hälfte der Bevölkerung hat daheim im Ort nur eine Zeitung - also keine Auswahl. Und wenn die »Bild«-Zeitung ankündigt, einen Tag vor der Bundestagswahl eine kostenlose Ausgabe an alle Haushalte zu verteilen, dann ist Bölls bescheidene Frage aus dem Jahr 1972, »wer denn wie, wo und womit herrscht«, schon ein bisschen beantwortet.

Richtig ist aber auch: Linke Zeitungen sollten sich nicht hinter der allgemeinen Klage über die Zeitungskrise verstecken. Wo es um kritischen Journalismus und Gegenöffentlichkeit geht, um Parteilichkeit nicht mit einer Organisation oder einem Anzeigenkunden, sondern mit denen, die sonst keine Stimme hätten, hilft nur Angriffslust. Was wir erreichen wollen, nimmt uns keiner ab - ökonomische Alphabetisierung, Suche nach Alternativen, Lust an einer Kultur des Zweifelns und an einem Blatt, das denen trotz aller Kritik an dieser Welt auch Spaß machen soll, die es täglich nicht missen möchten. Dass das nd-Pressefest in diesem Jahr vor der Berliner Volksbühne stattfindet, ist ein schönes Symbol dafür, was eine Zeitung auch sein kann. Und es ist für uns die beste Möglichkeit im Jahr, mit denen ins Gespräch zu kommen, ohne die es diese Zeitung nicht geben könnte.

Das »neue deutschland« ist nichts ohne seine Leserinnen und Leser - selbst die beste linke Tageszeitung braucht und verdient aber auch mehr davon. Damit es in Zukunft weiterhin eine täglich lesbare Antwort auf die Frage gibt, wie links Journalisten sein können.

Jene, die da, wie Heinrich Böll es sagte, »wie, wo und womit herrschen«, haben uns verdient. Und die kritische, demokratische Öffentlichkeit braucht uns.

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