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Der fliegende Maulwurf-Jäger

Jurij Koch lässt »Bauer Sauer« kläglich versagen

Der sorbische Schriftsteller Jurij Koch hat mit seinen Kinderbüchern schon Generationen von Lesern bezaubert. Vor 1989 waren es insbesondere Texte, die aus der sorbischen Sagen- und Märchenwelt schöpften (»Das schöne Mädchen«, 1983; »Pintlaschk und das goldene Schaf«, 1983; »Jan und die größte Ohrfeige der Welt«, 1985; »Die zwölf Brüder«, 1986 u. a.). Dann war sein Augenmerk mehr auf fantastische Texte mit realem Bezug gerichtet (»Die rasende Luftratte«, 1989; »Das Sanddorf«, 1991; »Jakub und das Katzensilber«, 2001 u. a.).

»Bauer Sauer und der Maulwurf Ulf« - sein neues, großformatiges Buch ist wiederum ein Lichtpunkt. Sowohl sein Text als auch die Illustrationen von Thomas Leibe werden zum Erlebnis (nicht nur für kindliche Leser ab fünf Jahren, wie ausgewiesen). Die Handlung währt vom Frühling bis zum Herbst eines Jahres. Bauer Sauer ist sauer, weil ein Maulwurf seinen Obstgarten mit Hügeln übersät. Als sein Widerpart Ulf immer neue Bodentürmchen auswirft, beginnt der wuchtige Mann ihn zu jagen. Mit wenig Erfolg. Vom Nachkommen eines Maulwurfjägers namens Tölpel erfährt Sauer, dass man bei abnehmendem Mond jagen soll. Auch das schlägt fehl. Nun sucht der Landmann das Gespräch mit dem Gegner, der ihn jedoch verspottet, gar zu belehren versucht. In der Zeitung wird bereits reißerisch über seinen Krieg mit der Unterwelt berichtet. In Leserbriefen werden Ratschläge erteilt, das unterirdische Biest zu liquidieren: die Gänge ausräuchern, laute Musikbeschallung oder Parfüm einführen. In Paris besorgt sich Sauer das beste französische Parfüm, mit dem er Ulf zum Verduften nötigen will. In Folge des beigemischten Alkohols beginnen Gräser, Sträucher und Bäume im Garten zu tanzen. Paradiesische Zustände ...

Nun greift der Bauer zum letzten Trick. Mit Pulver aus Silvesterknallern füllt er die Löcher der Erdauswürfe. Zuerst steigt weißer Rauch auf, dann kracht und blitzt es, das Haus des Bauern zerbirst, die Trümmer fliegen in die Lüfte. Samt Sauer. Die Maulwürfe winken dem Entfleuchenden nach …

Die Geschichte ist voller Figuren- und Situationskomik. Bildhafte Redewendungen und eine anschauliche, klare Sprache sorgen für eine spannende Handlung. Die prallen Illustrationen unterstützen den Text nicht nur, sondern gewinnen mittels ihrer kontrastreichen Farbigkeit künstlerischen Eigenwert. Von Seite zu Seite ist man neugierig auf die unerwarteten Wendepunkte. In der Mitte etwa, als Sauer den kleinen »feinen Kerl« erstmals mit der Taschenlampe anleuchtet und zu Gesicht bekommt, ist das Tier bereits fast ebenso groß wie die vorher überdimensionale Menschengestalt. Dass nach dem menschelnden Dialog, der kein Ergebnis bringt, die Batterie der Lampe plötzlich leer ist und Sauer seine Hacke bedrohlich schwingt, im Finstern aber niemanden trifft, dafür unzählige Löcher in den Boden gräbt, schockt den Leser und Betrachter, denn die folgende Doppelseite ist lediglich - schwarz! Müssen wir schwarz sehen?

Es wäre kein Text von Jurij Koch, würden darin nicht einige Seitenhiebe versteckt sein. Sollten Maulwürfe etwa die Menschen an der Nase herumführen können? Kann ein kleiner, feiner Kerl ein Halunke sein? Wie weit darf sich der Mensch gegen die Natur auflehnen, ohne selbst Schaden zu nehmen? Inwieweit ist Zeitungen zu trauen, wenn es um objektive Berichterstattung geht? Und steht der vormals prächtige, nun devastierte Obstgarten nicht symbolisch für eine hiesige Landschaft?

Der Verlagsleiter war jedenfalls hocherfreut über das Interesse an diesem Buch, das weggehe wie warme Semmeln.

Jurij Koch: Bauer Sauer und der Maulwurf Ulf. Ill. von Thomas Leibe. Lychatz-Verlag. 30 S., geb., 9,95 €.

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