Nichts fliegt mehr

Im Flughafenstück »AIRossini« in der Neuköllner Oper bricht der Aufstand aus

Es wäre mir nicht im Traum eingefallen, 2013 in der Neuköllner Oper im »Hoch die internationale Solidarität!« skandierenden Publikum zu sitzen. Doch in der neuen Produktion »AIRossini« ist weltweit der Aufstand ausgebrochen. 99 Prozent der Menschheit lehnen sich gegen die Elite und die deren Geld liebenden Regierungen auf. Weltweit wurden Flughäfen besetzt. Nichts fliegt mehr.

Also bleibt man im Lande. Schönefeld liegt nahe. In der »Opéra oligarchique zu einer geplanten Flughafeneröffnung« zeigt die Anzeigetafel »Cancel«, »Waiting« und »Kaputt«. Irgendwann erscheinen nur noch chinesische Schriftzeichen. Die Gepäckbandanlagen klemmen fest, ein Hangar ist umgekippt ... Willkommen zum Tag der offenen Falltür.

Die eiligen Reichen können von Glück sagen, wenn sie unbeschadet aus dem Lift herauskommen, an dem vor der Uraufführung die Musiker in Handwerker-Overalls noch bohrten und schraubten. Nun lümmeln sich die finanziellen Überflieger auf futuristischen Sitzmöbeln. Halt fänden darauf vielleicht träge in der Schräge nach Beute äugende Krokodile. Sitzen kann darauf kein Mensch, auch wenn die Sänger in dieser wunderbaren Inszenierung es gut zwei Stunden lang versuchen. Dank dieser und anderer guter Ideen von Bühnenbildnerin Sabine Beyerle ist dabei für Komik gesorgt.

Die Geldjongleure wollen zu ihrem Gipfeltreffen. Es gibt viel, was man der Welt noch antun könnte, die Budgets sind nur noch zu beschließen. Eine reiche Popsängerin hat es nicht minder eilig. Dazwischen ein investigativer Internetprofi, der Leichen in den Kellern aller aufspürt. Wieder und wieder wird der Flug ausgerufen - und abgesagt. So bleibt die Elite mit ihren hochfliegenden Plänen in der Regie von Alexandros Efklidis am Boden. Das bringt sie zeitweise auf perverse Ideen. Da wollen sie spielen, wie die »untere Schicht« so lebt oder sie mischen sich als die »neuesten Hipster« unter Aufständische. In ihrer Arroganz denken sie auch darüber nach, was wäre, wenn sie streikten und die Märkte einbrächen.

Ioanna Forti agiert als reiche Reedertochter, Richard Neugebauer als Ölscheich Abd-El-Kadir Bin Omar Al-Ahmad, Yuka Yanagihara als erfolgreiche Softwarehändlerin Meixiang Jiaying Lee, Polly Ott als Popstar London Sheraton, Clemens Gnad als Rechercheur Timothy »Timmy« Rosenberg und Victor Petitjean als Schweizer Banker Klaus-Giovanni Chevalier. Politiker erscheinen erst später bei einer Internet-Konferenz (Videodesign: Fil Ieropoulos) - auch wenn der Banker einem von ihnen ziemlich ähnlich sieht. Da wird das Publikum einen Moment amüsant auf eine falsche Gedankenflugroute gelotst.

Nach Gioachino Rossinis Oper »Il viaggio a Reims«, in der vor 188 Jahren die Exzellentesten der Exzellenten vergeblich auf Pferde und Kutschen warteten, um zur Königskrönung zu reisen, arrangierte Kharálampos Goyós die aktuelle musikalische Fassung. Heftige Einschnitte nahm er nicht vor, wenn man davon absieht, dass sechs statt vierzehn Sänger auftreten und vier Instrumente statt eines großen Orchesters für guten Klang sorgen. Für die kühle Flughafenatmosphäre nahm er eine Marimba aus der Xylophon-Familie hinzu.

Dimitris Dimopoulos schrieb das Libretto. Den witzigen Text kann man an einer Leinwand mitlesen. Es ist unglaublich, was zu dieser Musik möglich ist bis zur Revo - trala - lution. Der Gesang ist brillant, die Akustik fantastisch. Hoffentlich gibt die Neuköllner Oper von dieser Produktion auch eine CD heraus.

Kharálampos Goyós sieht »AIRossini« als »fiktionalen Dialog mit den restaurativen Facetten von Rossinis Oper«, die man seinerzeit alsbald wieder absetzte. Da ist sie wieder. Nun sitzt die ökonomische Elite auf dem Flughafen BER fest. Und das allein wegen der »Inkompetenz, Undankbarkeit und unrealistischer Forderungen der 99 Prozent«. So sieht's aus.

Nächste Aufführungen: 13. bis 16., 20. bis 23. und 28. bis 30. Juni, jeweils 20 Uhr. Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131, Kartentelefon: (030) 68 89 07 77

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