Die Nagelprobe

Schriftsteller in einer rauen Wirklichkeit

  • Von Dieter Schiller
  • Lesedauer: 6 Min.

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Stefan Heym hat seinem Roman über den 17. Juni 1953 den Titel »Der Tag X« gegeben. Das meint den angeblich lang geplanten Stichtag westlicher Geheimdienste, um die Arbeiter- und Bauern-Macht in der DDR aufzurollen. Man sollte meinen, ein solches Buch hätte den Parteioberen der Einheitspartei willkommen sein müssen, zumal die erste Fassung zum Teil noch die offiziellen Argumentationsmuster bediente. Doch es wurde verboten und damit zum langdauernden literarischen Ärgernis gemacht. Denn Heym konnte und wollte das Verbot nicht akzeptieren und suchte hartnäckig, den Druck seines Buches in der DDR durchzusetzen. Ihm war es ernst mit den Lehren aus den Arbeiterunruhen im Juni 1953, weil es ihm ernst war mit dem Sozialismus in der DDR. Deshalb vor allem war er den internen Ursachen der sozialen und politischen Konflikte nachgegangen, und hatte die demokratischen Defizite der aktuellen Machtausübung aufgedeckt. In einer zweiten, von politischen Klischees befreiten Fassung mit dem Titel »Fünf Tage im Juni« ist das Buch dann in der Bundesrepublik erschienen und wirkte von dort in die DDR hinein. Es war eine Mahnung an den damals ausgebliebenen öffentlichen Dialog, der allein die Kluft zwischen herrschender Partei und Arbeitermassen hätte überwinden können.

Eine »große Aussprache mit den Massen« hatte Bert Brecht schon in seinem Brief an Ulbricht gefordert, einem Brief, der zugleich die Verbundenheit mit der SED betonte. Das Aufbegehren der Arbeiter am »schrecklichen 17. Juni« interpretierte Brecht freilich paradoxerweise als einen Kontakt mit der Partei, wenn auch nicht »in der Form der Umarmung, sondern ... des Faustschlags«. Natürlich sah auch er den Klassenfeind am Werke und grenzte sich scharf von gewaltsamen Provokationen ab. Doch dringlich empfahl er den Genossen in Partei und Regierung, die Gelegenheit zur Aussprache über »berechtigte Unzufriedenheit« und die »allseitig gemachten Fehler« nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Seine Reaktion auf ein Flugblatt des Lyrikers Kuba (Kurt Barthel) musste deshalb sarkastisch ausfallen. Der Sekretär des Schriftstellerverbandes hatte die Bauarbeiter der Stalinallee aufgefordert, durch gute Arbeit und Wohlverhalten »zerstörtes Vertrauen« wiederzugewinnen - er sah sie gleichsam als unartige Kinder, die zur Ordnung gemahnt werden müssen. Brecht kommentierte das mit dem bösen Bonmot, wenn das Volk das Vertrauen der Regierung verscherzt habe, möge sie doch am besten ein anderes wählen. Das war ein ebenso richtiger wie vernichtender Satz. Ungesagt bleibt dabei allerdings, dass dieses Flugblatt auf die quälende Sprachlosigkeit von Seiten der Parteiführung reagierte. Auch Kuba suchte - mit untauglichen Mitteln - einen Kontakt zu den Bauarbeitern zu finden, deren Handeln seine Illusionen zerstört hatte.

Volker Braun notierte dazu einmal, Kubas »Wehklagen ... über das zurückgebliebene Bewußtsein der Massen« sei töricht. Nicht ein »Zurückbleiben des politischen Bewußtseins« sei zu beklagen, sondern das »Zurückbleiben der politischen Massenhandlungen«. Denn nur durch »stärkeres praktisches Beteiligtsein am politischen Prozeß« werde auch das »ideelle Beteiligtsein« gestärkt. Staatsbewußtsein könne sich nur im »Mitverfügen über den Staat« entwickeln. Diesen Gedanken hat er in seinem Stück »Hinze und Kunze« aufgegriffen, in einer Passage, die den Juni '53 zum Hintergrund hat. Hinze, einst Arbeiter, dann Bauleiter, kündigt dem Parteimann Kunze den Gehorsam auf, weil er ihm nicht mehr nachlaufen will wie ein Hund, sondern mitentscheiden über das, was er tut.

In der offiziellen Sprachregelung der DDR wurde der 17. Juni 1953 als »konterrevolutionärer Putsch« bezeichnet, der sich berechtigte Unzufriedenheit der Bevölkerung zunutze machte. Mit solcher holzgeschnitzten Weisheit wollten sich nicht einmal die Autoren zufrieden geben, die diese Sicht im Prinzip teilten. Wenn Stefan Hermlin in seiner Erzählung »Die Kommandeuse« von der Befreiung einer »KZ-Lagerführerin«* (s. Randspalte) aus dem Gefängnis berichtet, die vom »Führungsstab« der Aufständischen zur Rednerin einer »Freiheitskundgebung« gemacht wird, gibt er sehr bewußt eine Episode wieder, kein Gesamtbild. Sein Text ist eine Mahnung, da die faschistische Vergangenheit virulent bleibt, und der Aufruhr die Gefahr barg, auch Nazi-Mörder von gestern zu entfesseln. Umstritten war die Geschichte, weil Hermlin die Figur der Kommandeuse ernst nahm, ihr Innenleben vorzeigte. Sein nüchternes Bild der Situation enthüllte freilich indirekt auch das Versagen der SED.

Dagegen berichtet Erich Loest in seiner Autobiographie »Durch die Erde ein Riss« vom unmittelbaren Eindruck der Demonstrationen und der durchaus verschieden motivierten Demonstranten von Protestierenden und Gewalttätern. Der Schriftsteller und Genosse der Einheitspartei fühlt sich ermuntert und herausgefordert, nun selber aktiv zu werden im Sinn des regierungsamtlich verheißenen »Neuen Kurses«. Doch sein Versuch scheitert, verhängnisvolle Praktiken der Presse in der DDR journalistisch zu analysieren, anzuprangern und damit den erhofften öffentlichen Dialog zu befördern. Denn nach der jähen politischen Wende von einer zunächst vergleichsweise realistischen Sicht auf die Konsequenzen der Vorgänge vom 17. Juni zum propagandistischen Konzept vom »Tag X« wird schon bald jede engagierte Kritik als verwerfliche »Fehlerdiskussion« diffamiert. Das öffentlich auszusprechen überschritt freilich noch viele Jahre lang die ideologischen Toleranzgrenzen im Lande beträchtlich.

Solche Fragen stellten sich für Anna Seghers in ihrem Roman »Das Vertrauen« nicht. Sie macht die Unruhen vom Juni 1953 zur Nagelprobe für Bewährung oder Versagen eines vielschichtigen Figurenensembles angesichts konterrevolutionärer Aktionen, ohne deren soziale Ursachen kleinzureden. Genau besehen, entwirft sie jedoch ein Wunschbild, wie es hätte sein sollen: Umsichtiges Handeln von Kommunisten, Vertrauen auf den Kern der Belegschaft verhindert den Streik in einem Stahlwerk. Doch dass es so weit kommen konnte, ist ihre eigene Schuld, weil sie den Menschen nicht nah genug waren, übersehen haben, was diese Menschen so tief verbittert hat. Dass es bei dieser Frage bleibt, macht die Schwäche des Buches aus, das mehr sozialpädagogisch als gesellschaftsanalytisch angelegt ist und einen Ausschnitt der rauen Wirklichkeit wählt, der den Absichten der Autorin mehr entgegenkommt, als ihrem Roman gut tut.

Der 17. Juni ist ein Kernthema der Literatur in der DDR geblieben. Denn in gewisser Weise wurde hier über das Schicksal des sozialistischen Experiments entschieden. Zugleich forderte er Auseinandersetzungen heraus und zwang zu Stellungsnahmen, die mit einer eindeutigen politischen Frontenbildung nicht zulänglich erfasst werden können.

Viele Bücher und viele Sichtweisen von Autoren wären hier noch zu nennen. Gemeinsam ist vielen von ihnen, dass sie dem fragilen Verhältnis von Sozialismus, Macht und Demokratie auf den Grund zu gehen versuchten - einem Problem, das aktuell geblieben ist über das Land hinaus, das keine praktikable Lösung fand.

Prof. Schiller, Jg. 1933, war nach Assistententätigkeit an der Humboldt-Universität Berlin u.a. stellvertretender Direktor des Zentralinstituts für Literaturgeschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR; er forscht und publiziert vor allem über Exil- sowie sozialistische Literatur.

* Erst Anfang der 90er Jahre konnte die Forschung belegen, dass Erna Dorn weder KZ-Aufseherin noch 1953 »Rädelsführerin« war; ihre Verurteilung beruhte auf Selbstbezichtigungen der offenbar psychisch gestörten Frau. Das Todesurteil wurde 1994 posthum aufgehoben.

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