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Die Ökonomie organisierter Kriminalität

  • Von Roberto de Lapuente
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Kampf gegen die Neoliberalisierung des Gemeinwesens ist mehr als die Bekämpfung einer Ökonomie, in der selbst das Private zur verwertbaren Ware wird. Es handelt sich hierbei um die Auflehnung gegen ein mafiös strukturiertes Konzept.

»Die Logik des kriminellen Unternehmertums ist identisch mit radikalstem Neoliberalismus«, schreibt Roberto Saviano in seinem Buch »Gomorrha«. Dieser sei es, der die Regeln des Geschäfts, des Profits und des Sieges über alle anderen Konkurrenten in der Schattenwirtschaft diktiere.

Seine »Reise in das Reich der Camorra« führt Saviano nach Secondigliano, einen Stadtteil Neapels. Hier hat die Camorra die Kontrolle. Doch anstatt den »Lebensunterhalt« mit Schutzgelderpressungen im Stil der alten Comorra zu bestreiten, nutzt das organisierte Verbrechen von heute die vom Neoliberalismus favorisierten Rahmenbedingungen: die Wirtschaft. Hier liegt laut Saviano »die reale Macht der Organisation und nicht in erster Linie ihre Waffenarsenale und Killer«.

In Secondigliano findet sich ein Milieu, das Wirtschaftskriminalität begünstigt. Saviano erläutert, dass sich hier Dienstleistungsfirmen anbieten, »die vom Catering über Reinigung, Transport bis zur Müllabfuhr alles übernahmen«. All das zu günstigsten Konditionen, denn die Camorra gestattet nur niedrige Löhne. Alle Beteiligten wissen zwar, für wen sie Mehrwerte schaffen, partizipieren jedoch nur spärlich daran.
Was in »Gomorrha« beschrieben wird, gleicht dem Bereich der neoliberalen Ökonomie, der in den letzten Jahren entstanden ist: dem Niedriglohnsektor. Hier gibt es keinerlei Sicherheiten für die Angestellten. Für geringfügig Beschäftigte gibt es nur noch auf dem Papier Urlaubsansprüche und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Fantastisch niedrige Stundenlöhne ermöglichen lange Arbeitszeiten ohne Sozialversicherung und Steuerzahlung. Das engmaschige Netz einer repressiven Fürsorge macht menschliche Arbeitskraft erst gefügig.

Die Camorra besteht aus organisierten Familienclans, die ihren Machtanspruch kriminell untermauern. Insofern ließe sich das ökonomische Konzept des Neoliberalismus als »camorristisch« bezeichnen. Unternehmerclans haben sich auch in Deutschland ihr bundesweites Secondigliano geschaffen: Ein Land, in dem billige Arbeitskraft erpresst wird und Verwaltung darauf bedacht ist, dieses günstige Milieu zu konservieren, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Ökonomie zu erhalten und auszubauen.
Sind die Strukturen der modernen organisierten Kriminalität einfach nur nach neoliberaler Lesart ökonomisch nachvollziehbar? Oder ist der Neoliberalismus kriminell?

Legale und illegale Ökonomie hatten immer Schnittstellen. Diese sind durch die hiesigen ökonomischen Vorstellungen drastisch ausgeweitet worden. So gesehen ist das neue organisierte Verbrechen so neoliberal, wie der Neoliberalismus einen natürlichen Hang ins Halbseidene hat. Um vernünftige Ökonomie geht es dabei schon lange nicht mehr, nur um den eiligen Profit ohne Nachhaltigkeit, um die Erledigung wirtschaftlicher Prozesse, die möglichst kostengünstig geschehen sollen, um erst am Ende kostspielig abgesetzt zu werden.
Wenn man Ökonomie als einen gesellschaftlichen Prozess ansieht, an dem jeder so partizipieren soll, dass er davon leben kann, dann ist das neoliberale Konzept ganz sicher keine Ökonomie im klassischen Sinne, sondern einfach nur der Versuch, mafiöse Strukturen in die Legalität zu überführen.

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