Werbung

»Wir demonstrieren nicht wegen teurer Bustickets, sondern für eine Revolution der Liebe«

Ein facebook-Chat mit einer Freundin aus Brasilia über die gegenwärtigen Proteste

  • Von Michael Ramminger
  • Lesedauer: 10 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Bewegungskolumnist Michael Ramminger führte am Mittwoch ein Interview mit Laura, einer 22-jährigen Journalismusstudentin, die in den aktuellen Bewegungen in Brasiliens Hauptstadt aktiv ist.
Michael Ramminger, seit 30 Jahren Theologe und Internationalist. Hat ungefähr genauso lange schon was gegen Zäune und Grenzen; gehört zu dem, was man früher mal undogmatische Linke nannte. Obwohl Glaubenswahrheiten nicht immer schlecht sind. Besonders heu
Michael Ramminger, seit 30 Jahren Theologe und Internationalist. Hat ungefähr genauso lange schon was gegen Zäune und Grenzen; gehört zu dem, was man früher mal undogmatische Linke nannte. Obwohl Glaubenswahrheiten nicht immer schlecht sind. Besonders heu

nd: Was ist konkret in Brasilia die vergangenen Tage passiert?
Laura: Die ersten Proteste, die wir hier in Brasilia hatten, begannen am Samstag, beim Eröffnungsspiel des Confederations Cups der Fifa, dem Spiel Brasilien gegen Japan, gegenüber dem Stadion Mané Garrincha. Menschen verschiedenen Alters und aus verschiedenen Klassen protestierten gegen die unerträglichen Kosten der Weltmeisterschaft, gegen die hohen Tarife im öffentlichen Verkehr und das Fehlen von Wohnungen. Präsent war dabei auch die Bewegung der Arbeiter ohne Wohnungen.

Die Renovierung des Stadions Mané Garrincha kostete die Landesregierung 1,2 bilhão reais (400 Millionen Euro). Das brasilianische Volk ist empört und der Meinung, dass dieses Geld den Schulen, den Krankenhäusern und dem öffentlichen Nahverkehr gestohlen wurde. Die Demonstration wurde auch zur Unterstützung der Protestierenden in São Paulo organisiert, wo die Proteste am vergangenen Donnerstag auch aufgrund der Fahrpreiserhöhungen begannen, und wo die Demonstration von der Polizei niedergeprügelt wurde. Jetzt kämpfen wir auch für das Ende der institutionalisierten Staatsgewalt, einige für die Auflösung der Militärpolizei. Der Name der Proteste ist: „Cup für wen?“, weil das brasilianische Volk in keinster Weise von dieser Meisterschaft profitiert, ganz im Gegenteil.

Am Samstag, den Fünfzehnten protestierten ca. 800 Menschen gegenüber dem Stadion. Da durch die Fifa jede Art von Versammlung in der Nähe der Spiele verboten war, wurde die Bewegung brutal von der Polizei angegriffen. Wir hatten an diesem Tag Verhaftete und viele Verletzte. Es gab viele Alte und Kinder in der Demonstration. Die Bewegung wurde weltweit wegen des Fußballs in den Medien sichtbar und die Ereignisse begannen sich aufzuheizen. Es kamen Berichte von Demonstrationen aus Belo Horizonte, Curitiba, etc. und wir hatten das Gefühl, dass die Leute sich vereinten und wir organisierten einen neuen Protest für Montag, den Siebzehnten.

Es war wunderbar: Am Montag gab es gleichzeitig in Brasília, São Paulo, Rio de Janeiro, Belo Horizonte, Porto Alegre und vielen anderen brasilianischen Städten Demonstrationen. Mehr als 250.000 Brasilianer_innen gingen auf die Straßen, um zu protestieren. Hier in Brasilia belagern wir weiter den Kongress mit mehr als 10.000 Menschen. Der Nationalkongress repräsentiert für die Brasilianer_innen den ganzen Müll und die ganze Räuberei unserer politischen Klasse. Die Menschen riefen, dass die ein „sauberes Haus“ wollten, d.h. eine transparente, anständige Politik. Sie forderten außerdem freien Nahverkehr, Investitionen in Gesundheit und Erziehung und riefen „Keine Gewalt“ und „das Volk ist aufgewacht“.

In Brasília gab es heute weitere Proteste am Busbahnhof für freie Tarife. Morgen wird es wieder einen bundesweiten Protest für die Verringerung der Fahrpreise in São Paulo, Rio, etc. geben. Hier wird außerdem auch eine Demonstration der Kinder für eine Zukunft in Würde vorbereitet.

Wer demonstriert dort ?
Die Bewegung hat keine Führung und umfasst unterschiedliche Personen und verschiedene Ideen. Bei uns in Brasilia gab es viele „normale“ Brasilianer, Erwachsene, Arbeiter, viele Jugendliche und Studierende, alte Menschen und sogar Kinder. Auch die Bewegung der Wohnungslosen war dabei. Bei der zweiten Demo hatten viele Menschen Angst vor Polizeigewalt, die sie am Samstag erfahren hatten und es waren mehr Jugendliche, Studierende etc. da. Aber ich habe auch einige ältere Menschen gesehen. Diese Demo war friedlicher. Es gab sogar Ehepaare, die dabei händchenhaltend spazieren gingen. Und natürlich waren auch die feministischen Bewegungen, die Bewegung der Schwarzen und die der Lesben und Schwulen dabei.

Der Nationalkongress ist der Korruption ausgeliefert und einer Fraktion fanatischer Evangelikaler, die Schwule als Kranke heilen wollen und die Abtreibungsgegner selbst für den Fall von Vergewaltigungen sind. Das ist absurd! Wir entwickeln uns zurück, und genau das wollen wir nicht. Aber die Bewegung in São Paulo, die alles in Gang gesetzt hat, ist für die Reduzierung der Preise im öffentlichen Nahverkehr. In Brasília organisieren wir uns über die Netze der sozialen Bewegungen. Wir machen Assembleas, um unsere Forderungen zu bestimmen. Aber es ist eine Bewegung ohne Führer, horizontal und ohne Parteien.

Warum gehen die Leute auf die Straße?
Eines unserer Themen ist „Der Gigant erwacht“. Der Gigant Brasilien, der lange Zeit schlief, öffnete nun doch die Augen. Das Volk war all dessen einfach überdrüssig. Wir wollen ernst genommen werden. Wir bezahlen die höchsten Steuern der Welt und bekommen dafür – NICHTS. Es gibt kein Bildungswesen, kein funktionierendes Gesundheitssystem und keinen öffentlichen Transport. Brasilien ist ein reiches Land, in das viel investiert wird und das spiegelt sich im Leben der Brasilianer_innen nicht wieder. Wir nehmen 33 Milliarden Reais (ca. 11.3 Mrd. Euro) mit der Weltmeisterschaft ein, 26 Milliarden mit der Olympiade und verlieren gleichzeitig jedes Jahr 50 Milliarden durch Korruption. Und das Mindesteinkommen beträgt 678,00 Reais (230 Euro). Wir protestieren nicht wegen 20 Centavos teurerer Bustickets, wir demonstrieren für unsere Rechte. Dieses Geld gehört uns, wir wollen, dass es für das Wohl der Menschen ausgegeben wird.

Gleichzeitig lacht die Regierung über das Volk. Unser Kongress ist ineffizient und und unterhält 81 Senatoren und 531 Abgeordnete, die superhohe Einkommen haben und nichts für die Verbesserung unseres Lebens tun. Sie machen alles nur schlechter, wie zum Beispiel mit dem Gesetz PEC 37, das Untersuchungsbefugnisse vom Ministerium für Öffentliches an die Staatspolizei abgibt.

Viele Menschen sehen auch, dass die Weltmeisterschaft für die Brasilianer nichts außer Kosten bringt und dass von den Einnahmen nicht der lokale Handel, sondern Großunternehmen wie Budweiser und McDonalds profitieren, die als einzige direkt an den Stadien verkaufen dürfen. Die Weltmeisterschaft wird auch andere Probleme, wie z.B. die Kinderprostitution verschärfen.

Außerdem sollen einige Menschen, die nahe an den Stadien leben oder arbeiten, umgesiedelt werden. Sogar in den Städten selbst gibt es eine „Hygiene-Politik“, mittels derer die Bettler von öffentlichen Plätzen vertrieben und in die Peripherien abgedrängt werden sollen. All das, damit die Ausländer einen angenehmen Aufenthalt in Brasilien haben und damit sie denken, es sei alles gut in Brasilien. Die Brasilianer sehen all dies, halten es für unrecht und revoltieren.

Gibt es politische Forderungen?
Zuallererst ist es natürlich der Nulltarif für den öffentlichen Nahverkehr. Auf einem Schild auf der Demo stand: “Wenn der Transport öffentlich ist, warum muss man bezahlen? Wenn man bezahlen muss, warum taugt er dann nichts?“

In Brasilien muss man immer mehrere Busse nutzen, um ans Ziel zu kommen, um zur Arbeit zu kommen, es braucht viel Zeit. Die Arbeiter_innen leben in der Peripherie und die Arbeit ist in den Zentren. Man muss lange fahren, um wenig zu verdienen und davon dann auch noch viel für den Bus bezahlen. Wir wollen unser Recht zu gehen und zu kommen ausüben. Wir wollen kostenlosen Transport für alle Orte in der Stadt, tags und nachts!

In vielen Städten wurden die Tarife nach den Protesten schon reduziert. Das ist ein großer Sieg, aber wir wollen mehr. Wir wollen Investitionen in die Gesundheitssysteme und in das Bildungswesen. Wir wollen Meinungsfreiheit und Demonstrationsfreiheit ohne Gewalt durch Teile der Polizei.

Jenseits dessen gibt es vor allem hier in Brasilia verschiedene politische Forderungen. Wir wollen, dass die korrupten Politiker für ihre Verbrechen angeklagt und verurteilt werden. Wir wollen, dass Banditen wie José Sarney und Renan Calheiros (zwei Politiker mit Korruptionsskandalen) exemplarisch bestraft und von politischen Tätigkeiten ausgeschlossen werden. Es ist beleidigend, dass Politiker mit einer Korruptionsgeschichte immer noch an der Macht sind. In Brasilia gibt es eine starke Revolte gegen alle politischen Parteien und die politischen Verhältnissen an sich.

Warst Du überrascht von den Ereignissen?
Ich war sehr überrascht. Ich bin geboren worden, als die Revolution in Brasilien schon Geschichte war. Unsere Eltern kämpften gegen die Militärdiktatur und für ein Amtsenthebungsverfahren von Fernando Collor. Das war das letzte mal, dass die Brasilianer wirklich vereint waren. Ich sah die brasilianische Jugend als konformistisch und angepasst an. Ich hätte nie gedacht, dass ich das, was heute passiert, jemals erleben würde. So viele unterschiedliche Menschen auf der Straße, mit soviel Kraft und soviel Empörung. Es ist wirklich beeindruckend und anrührend.

Als ich von der Demo am Nationalkongress zurück nach Hause kam und im Internet die Bilder der riesigen, immer größer gewordenen Demo sah, war ich irgendwie stolz auf die Brasilianer_innen. Mehr als 250.000 Menschen in den Straßen. Es ist ein brasilianischer Frühling.

War die PT-Regierung überrascht, wie ist ihre Haltung dazu?
Die Staatspräsidentin Dilma gab kürzlich ein Interview, in dem sie bekräftigte, dass sie friedliche Demonstrationen für legitim hält, die die Demokratie stärken. Für mich ist es eine diplomatische Attitüde und falsch. Sowohl Dilma als auch ihre sozialdemokratische Partei, die PT, wurden von der Demo in Brasilia (wo ein PT-Mitglied, Agnelo Queiroz, Gouverneur ist) verjagt. Die PT hat schon lange aufgehört, die brasilianischen Arbeiter zu repräsentieren. Mit der fortschrittsgläubigen Vision von Präsidentin Dilma ist Brasilien stärker über die Exportquoten und internationalen Beziehungen besorgt als über das Wohlergehen des brasilianischen Volkes. Wir sehen nicht, dass die versprochenen Verbesserungen eintreten würden.

Bei den für die Wiederwahl der PT lebenswichtigen Fragen wie der Agrarreform zeigt sich Dilma ängstlich und unfähig. In ihrer Amtszeit wurden weniger Familien auf eigenem Land angesiedelt, als in der Zeit von Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso von der sozialdemokratischen Partei PSDB. Das ist eine Schande. Dilma hat beim Volk noch offene Rechnugen.

Was bedeuten die Proteste konkret für Dich?
Für mich ist es ein Moment großer Gefühle. Ich spüre eine ungewöhnliche Kraft zur Veränderung, den Willen zum Wandel. Der Kampf ist legitim und es ist nicht nur der Kampf der Brasilianer. Für mich fangen die Menschen an, die so lange als Sklaven gehalten wurden, um das kapitalistische System aufrecht zu erhalten, sich ihrer Kraft bewusst zu werden. Überall auf der Welt sehen wir Proteste und dass alle Gleichheit wollen und ein gutes Leben. Selbst trotz der ganzen Gewalt glaube ich, dass es eine Revolution der Liebe ist. Die Menschen fordern mehr Menschlichkeit. Wir wollen mit Würde behandelt werden, wir wollen wissen, warum wir soviel arbeiten, aber nichts für uns bauen. Wir wollen, dass unsere Kinder gute Schulen haben und dass unsere Kranken nicht sterben, weil Ärzte oder Medikamente fehlen. Wir wollen uns geistreich erholen und nicht mit diesem Unterhaltungsschrott aus den Massenmedien.

Nicht alle haben diese Vision, einige wollen sofort Änderungen und fokussieren sich auf kleinere Probleme. Aber wenn ich all diese Menschen sehe, die ihr Leben riskieren, indem sie auf den Straßen Veränderungen fordern, weiß ich, dass das nicht eine Frage meiner Stadt oder meines Landes ist. Es ist eine Frage des Volkes. Die Völker der Welt, die schon so lange ausgebeutet wurden, wollen nur ein Leben in Würde, gut und glücklich. Sie wollen nur die Mindestbedingungen, um ihr Potential auszuschöpfen, um zu wachsen, sich entwickeln zu können. Ich glaube, dass das ein allgemeines Gefühl ist. Es ist Zeit, die Dinge zu ändern.

Siehst Du oder sehen andere irgendeinen Zusammenhang, eine Analogie zu Protesten und Aufständen z.B. in Ägypten, Tunesien, in Istanbul?
Sicher. Die Brasilianer wissen, was rund um die Welt geschieht, sie sehen die Proteste in Europa, in der Türkei, in Ägypten. Und sie solidarisieren sich. Ich glaube sogar, dass diese Proteste eine Inspiration für Brasilien waren, indem sie die Kraft von Volksbewegungen rund um den Globus zeigten. Andersherum geschahen die Proteste hier in Brasilien genau in dem Moment, als Brasilien in den internationalen Medien präsent ist. Das verleiht uns mehr Sichtbarkeit. Wir möchten, dass die ganze Welt von unserem Kampf erfährt und sich solidarisiert. Wir kämpfen alle für Freiheit und ein gutes Leben. Ich hoffe, dass wir bald alle gemeinsam kämpfen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen