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Vom Versagen der Vereinten Nationen

»Künstlerische Interventionen« aus aller Welt in der Marzahner Galerie M

  • Von Volkmar Draeger
  • Lesedauer: 3 Min.
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Es ist nicht die vordringliche Aufgabe von Kunst, Schönheit zu produzieren. Vielmehr entsteht sie in einer bestimmten Zeit und in Reaktion auf sie. Dass Kunst daher bisweilen politisch sein möchte, ja muss, ist eine ihrer spannenden Facetten. »United Nations Revisited - Künstlerische Interventionen im politischen Raum« in der Galerie M führt die Absicht bereits im Titel: mit den Mitteln der Kunst nachzufragen, wie die Vereinten Nationen ihre ehrgeizigen Ziele in die Realität umsetzen. Beteiligt haben sich an dieser Spurensuche in ihrem Herkunftsland und weltweit 15 internationale Künstler von Rang.

Die Bilanz fällt negativ bis verheerend aus. Was sie dabei an Ungereimtheiten und heftigen Verstößen gegen die eigenen Ambitionen der UN zutage förderten, bündelt sich im großen Ausstellungsraum sowie in mehreren Kabinetten. Menschenrechtsverletzungen hauptsächlich in Afrika und auf dem Balkan stehen im Mittelpunkt.

Anlässlich eines Besuchs in Bosnien 2003 schuf die in den USA lebende Serbin Marina Abramović den Fotozyklus »Count on Us«. Zu sehen ist daraus, graustichig, wie uniformierte Jugendliche dicht gedrängt einen fünfzackigen Stern bilden, dessen Mitte der stehende Tod ist. Philipp Ruch ist Mitglied im Zusammenschluss »Zentrum für politische Schönheit«. Seine fünf Porträts zeigen Menschen, die ihre Schuhe präsentieren. Aus 8372 Paar Schuhen will jenes Zentrum ein »Säule der Schande« genanntes, dauerhaftes Denkmal für die Opfer des Genozids in Srebrenica errichten: In den dreidimensionalen Stahllettern U N sollen sie, acht Meter hoch, auf die Mitschuld der Vereinten Nationen und westlicher Politik an diesem Völkermord hinweisen; echte Schuhe aus Massengräbern flankieren »Einschusslöcher«.

Kaum weniger eindrucksvoll ist das »Genocide Monument« von Kofi Setordij aus Dakar. Seine hier in virtueller Version zu sehende Skulptur reiht in einem Geviert stilisierte Figurengruppen: Opfer und Täter des Völkermordes in Ruanda 1994. Größte Figur ist, wenngleich eher auf verlorenem Posten, die Gerechtigkeit. Wieder versagten die UN, indem sie ihre vor Ort stationierten »Friedenstruppen« verkleinerten, statt sie aktiv einzusetzen.

Furchig, klüftig, unheildrohend wirkt die bronzene Büste »Colin Powell« der in London lebenden Polin Goshka Macuga, wie sie zwischen gespreizten Fingern eine Patronenhülse hält. Nicht von ungefähr wurde bei seiner Rede vor dem UN-Sicherheitsrat, die den Irak-Krieg rechtfertigen sollte, Picassos Bild »Guernica« - striktes Mahnmal für den Frieden - verhängt.

Einen anderen US-amerikanischen Politiker nimmt »Das Kissinger-Projekt« des Chilenen Alfredo Jaar ins Visier. Auf 13 gerahmten Seiten aus namhaften Berliner Tageszeitungen vom 11. September 2012 lässt er schwarzem Grund in verschiedenen Weltsprachen »Verhaftet Kissinger« aufdrucken und spielt damit auf dessen Rolle beim Militärputsch vom 11. September 1973 gegen Salvador Allende an. An den hat an jenem Tag keine jener Zeitungen erinnert.

Ein anderes Bild, Per Kroghs aus vielen Miniaturen bestehende Wandmalerei hoch im Saal des UN-Sicherheitsrats, nahm Alfred Banze als Reproduktion zwei Jahre mit auf Reisen und sammelte dazu bei Künstlerworkshops Videokommentare. Welche Hoffnungen und fundamentale Kritiken es zur UNO gibt, liest man auf vielen flankierenden Handschriften: Die UNO sei nur eine Organisation für die Interessen der großen Nationen, Politik aber müsse dem Recht untergeordnet sein.

Aus Schnappschüssen von der UN-Frauen-Konferenz formt Sibylle Hofter eine Serie, etwa wie Frauen da hofiert und in elegantem Ambiente präsentiert werden. Ist es aber das, was die Frauen in ihren Rechten weiterbringt? Auf den unpersönlichen Charakter des Platzes der Vereinten Nationen, den ehemaligen Leninplatz in Berlin, weist Sven Kalden in einem Video hin. Ebenfalls im Video sieht man den Palästinenser Khaled Jarrar sein Werk tun: Er hackt aus Israels Betonmauer um seine Heimat Stücke heraus, mahlt sie zu Staub, formt daraus Friedenssymbole, den Berliner Bären, einen Fußball. Auch ein Kommentar, verschmitzt und liebenswert.

Bis 4.8., tägl. außer Sa 10-18 Uhr, Galerie M, Marzahner Promenade 46, Marzahn, Telefon 5450 294, www.galerie-mh.de

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