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Kafka, Forsythe und ein Novum

Morgen beginnt das Avantgarde-Theaterfestival »Foreign Affairs« - es lockt mit Hochkarätern

Wer hätte sich nicht davon angesprochen gefühlt, wenn er solche Worte vernommen hätte: »Wer an seine Zukunft denkt, gehört zu uns! Jeder ist willkommen!«. Wer hätte sich nicht gesputet, wenn er gelesen hätte: »Wer jetzt die Gelegenheit versäumt, versäumt sie für immer! Beeilt euch, damit ihr bis Mitternacht vorgelassen werdet!« Und wem wären nicht die letzten Zweifel gewaltsam weggeblasen bei: »Verflucht sei, wer uns nicht glaubt! Auf nach Clayton!«

Wer so nach Clayton rief, war das Große Naturtheater von Oklahoma. Es lockte Karl Roßmann, den verirrten und verwirrten Helden von Franz Kafkas Auswandererromanfragment »Der Verschollene«, später unter dem Titel »Amerika« publiziert. Wer es gelesen und mit Karl die Zugreise durch die zerklüftete Bergwelt der Rocky Mountains angetreten hat, dürfte immer wieder über das Versprechen dieses Theaters nachgedacht haben. Der Raum für Projektionen ist groß. Denn noch bevor Roßmann in Oklahoma ankommt, bricht das Romanfragment ab.

In diese spekulative Lücke stößt gleich zu Beginn des Festivals »Foreign Affairs« (27.6. bis 14.7.) das »Nature Theatre of Oklahoma«. Diese bereits 1995 in New York gegründete Theatertruppe hat sich in den letzten Jahren auch international einen Namen für intensive, hyperrealistische Performanceabende gemacht. In Berlin stößt sie nun in die tieferen Bedeutungsebenen ihres Namensgebers, eben der fiktiven Theatercompany aus Kafkas Roman, vor. Sie haben daraus eine Castingsituation entwickelt, an der jeder teilnehmen kann.

Ein zweiter Programmschwerpunkt besteht in der Präsentation von fünf Arbeiten von William Forsythe, darunter die beiden großen Bühnenproduktionen »Sider« und »Don't Believe in Outer Space«. »Foreign Affairs« schließt damit eine echte Wahrnehmungslücke des Berliner Publikums. »Forsythe ist einer der wichtigsten Choreografen weltweit. Er arbeitet in Deutschland, ist aber ganz selten in Berlin zu sehen. Da stellt es schon fast einen kulturpolitischen Akzent dar, ihn hierher zu holen«, meint - zu vollem Recht - der neue Festivalkurator der Berliner Festspiele, Matthias von Hartz, gegenüber »nd«.

Ein faszinierender Aufbruch zu nicht nur für Berlin neuen Ufern dürfte hingegen die erstmalige Zusammenarbeit von Boris Charmatz und Anne Teresa de Keersmaeker werden. Beide werden zum Violinsolo »Partita 2« von Johann Sebastian Bach tanzen. Die belgische Starviolistin Amandine Beyer wird spielen. Choreografiert hat den Abend de Keersmaeker. Nach der Uraufführung beim Kunstenfestival Brüssel im Mai kommt er wenig später zur deutschen Premiere nach Berlin. Ein echter Coup also.

»Die Zusammenarbeit begann vor knapp zwei Jahren beim Festival von Avignon. Als ich davon erfuhr, wusste ich, diesen Abend möchte ich gern zeigen«, sagt von Hartz. Er freut sich darauf, dass zwei starke Protagonisten zweier Generationen des zeitgenössischen Tanzes aufeinandertreffen. Dazu zwei, deren ästhetische Vorstellungen sich in Resonanz befinden, deren Wege und Methoden aber durchaus unterschiedlich sind. De Keersmaekers Sinn nach Perfektion und Struktur kontrastiert etwa stark mit der Bedeutung, die Charmatz der Improvisation beimisst, die bei ihm einen ganzen Abend prägen kann.

Der Herausforderung, die dieser Kontrast mit sich bringt und der schnell in einen Wettbewerb ausarten kann, waren sich beide früh bewusst. Sie steuerten dagegen. Zu Beginn des Projekts notierte Charmatz: »Es soll keinen Wunsch nach Konfrontation oder bewusster Parallelität geben und auch keine Übung in Bewunderung.« Was hier als Arbeitsanleitung gedacht war, sollte vielleicht auch als Rezeptionshinweis beachtet werden.

Das Avantgarde-Festival »Foreign Affairs« hat damit also auch viel historische Substanz. In ihm werden Bewegungen zu vor fast 300 Jahren in Köthen und Weimar ersonnenen Klängen entwickelt und einer literarischen Theaterfantasie aus den 20er Jahren nachgegangen. Schade nur, dass das Festival seine letzte Programmsäule, ein Performance-Wochenende zum Thema Wetten und Spekulation, noch mit eher jungfräulichem Staunen aufbaut und die allerjüngsten Entwicklungen, nämlich die Debatte um massive Manipulation bei den Sportveranstaltungen, die die Grundlage vieler Wetten darstellen, ausblendet.

Das Festival »Foreign Affairs« gehört zu den Berliner Festspielen. Sie sind eine Institution des Bundes, die den kulturellen Austausch fördern soll. Insgesamt sind bei der zweiten Ausgabe des Festivals in den kommenden drei Wochen 17 Stücke und 14 Projekte zu sehen. www.berlinerfestspiele.de

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