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Mehr Geld - nein, danke?

Thomas Stange ist Stipendiat der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS)

nd: Zum Wintersemester 2013/2014 wird erneut das sogenannte Büchergeld für öffentlich geförderte Stipendiaten erhöht. Sie sind Stipendiat der RLS und haben die geplante Erhöhung kritisiert. Wieso?
Stange: Wir haben als Stipendiaten auf unserer letzten Vollversammlung darauf hingewiesen, dass die erneute Steigerung des Büchergeldes um 100 Prozent Teil der programmatischen Elitenförderung der Bundesregierung ist. Mit dieser Erhöhung sollen gezielt Menschen über den gewöhnlichen materiellen Verfügungsrahmen hinaus, wie er Nicht-Stipendiaten zugute kommt, gefördert werden.

Folgt man der Argumentation der Bundesregierung, dann soll die Verdopplung des Büchergelds von 150 Euro auf 300 Euro monatlich für mehr Gerechtigkeit sorgen.
Das Gegenteil ist der Fall. Die Erhöhung finde ich deshalb problematisch, weil es ja ohnehin schon so ist, dass die Stipendiaten der staatlichen Förderwerke durch die aus Steuergeldern finanzierten Stipendien mehr Geld zur Verfügung haben als beispielsweise Bafög-Empfänger. Außerdem ist nachweisbar, dass ein Großteil aller Stipendiaten im Lande ohnehin aus so gut betuchten Elternhäusern kommt, dass sie »nur« Anspruch auf das elternunabhängige Büchergeld haben. Mit dessen Erhöhung wird also explizit und vor allem jenen noch mehr gegeben, die es am allerwenigsten nötig haben.

Über ein paar Euro mehr in der Tasche können Sie sich nicht freuen?
Klar, wir alle brauchen Geld und je nach familiärer und sozialer Situation sowie Wohnort ist es objektiv gesehen verschieden, wie viel davon notwendig ist. Wenn ich überlege: Vor meinem Stipendium habe ich nebenbei immer soviel gearbeitet, dass es ungefähr auf denselben monatlichen Betrag hinauslief, der mir jetzt qua Stipendium zur Verfügung steht. Jetzt kann ich meine Zeit hauptsächlich auf mein Studium verwenden, was mir in gewisser Weise einen Vorteil gegenüber anderen Studierenden verschafft, weil ich einfach mehr Zeit habe.

Leistung korreliert also mit materiellen Voraussetzungen?
Stimmt, außerdem ist es so, dass Menschen, die Bafög erhalten, das erstens zurückzahlen müssen und zweitens in der Regel mit der Fördersumme gar nicht auskommen, so dass sie noch Geld hinzuverdienen müssen. Wir hingegen kriegen von vorn herein 150 und bald eben 300 Euro pro Monat obenauf und zudem noch »ideelle Förderung«, wie es so schön heißt.

Was meinen Sie damit?
Ich meine Seminare, Hilfe, Coaching, Unterstützung etc. Auch können Stipendiaten Wohngeld beantragen, was Bafög-Empfängern nicht möglich ist. Es wird also eine materielle und strukturelle Grenze zwischen uns »Glücklichen« und den »normalen« Studis gezogen, die ungerecht ist.

Und was schlagen Sie als Alternative vor?
In der Summe geht kein Weg daran vorbei, allgemein die notwendigen Bedingungen dafür zu schaffen, dass Ausbildungen in Deutschland wieder von allen aufgenommen und mit guten Ergebnissen absolviert werden können. So wäre die sinnvollste Alternative zur Büchergelderhöhung und immer weiter ausgebauten »Elitenförderung« sicher eine Ausweitung des Bafög sowie eine erneute soziale Öffnung der Hochschulen.

Gespräch: Jens Wernicke

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