Drehkreuz des Wanderns

Einst touristisch abgeschnitten, hat Blankenstein heute nicht nur den Rennsteig zu bieten

  • Von Hans-Gerd Öfinger
  • Lesedauer: 3 Min.
Gleich vier Premium-Wanderwege treffen im thüringischen Blankenstein aufeinander. Die 800-Einwohner-Gemeinde will das touristische Potenzial künftig noch besser nutzen.

Mit Sponsorenlauf, Live-Musik, Böllerschüssen, Ansprachen und Gemütlichkeit bei Speis und Trank feiert die Gemeinde Blankenstein am Rennsteig im thüringischen Saale-Orla-Kreis an diesem Sonnabend die Einweihung des Selbitzplatzes. Die Eröffnung des neu gestalteten Ortsmittelpunkts ist nicht nur ein Meilenstein für die 800- Einwohner-Gemeinde. Denn mit dem neuen »Drehkreuz des Wanderns« wird hier auch ein neuer wichtiger »Umschlagplatz« für Touristen, Wanderer und Radfahrer an der Nahtstelle zwischen Thüringen und Bayern offiziell in Betrieb genommen.

Hier treffen gleich vier Premium-Wanderwege aufeinander, was kaum eine andere bundesdeutsche Ortschaft für sich reklamieren kann. So beginnt (oder endet) in Blankenstein der traditionsreiche Rennsteig, der über die Höhenzüge des Thüringer Waldes führt.

Weniger Tradition, aber auch Premium-Qualität vorweisen können die drei anderen, ebenfalls zertifizierten Fernwanderwege: der Kammweg, der in östlicher Richtung durch Vogtland und Erzgebirge verläuft, der Frankenweg und der fränkische Gebirgsweg. Diese führen durch das benachbarte bayerische Oberfranken Richtung Süden. Auch weitere Wanderwege sowie Radwege parallel zum Rennsteig und entlang der Saale tangieren Blankenstein.

Für den Ausbau des Selbitzplatzes wurden rund 70 000 Pflastersteine verbaut und 900 Pflanzen gesetzt. Kinder können sich in der »Rennsteig-Erlebniswelt« rund um einen überdimensionierten hölzernen Wanderschuh mit der offiziellen Schuhgröße 900 und im Labyrinth tummeln, Erwachsene können sich im Ruhebereich entspannen und auf Hängematten schaukeln.

Wegen der unmittelbaren Nähe der früheren Staatsgrenze mussten am alten Selbitzplatz zu DDR-Zeiten etliche Gebäude den Grenzanlagen weichen. 23 Jahre später sei nun endlich wieder eine dynamische, attraktive Ortsmitte entstanden, freut sich Bürgermeister Ralf Kalich (LINKE).

Vor 1990 hatte der DDR-offizielle Rennsteig sein östliches Ende nicht in Blankenstein, sondern bei Neuhaus am Rennweg. So fielen gut 50 Kilometer, darunter die 14 Kilometer durch einen Zipfel Bayerns, unter den Tisch. Heute sind 171,4 km Rennsteig von Hörschel bei Eisenach bis Blankenstein wieder durchgehend begehbar.

Blankenstein war mit seiner Zellstoff- und exportorientierten Bekleidungsindustrie schon zu DDR-Zeiten ein wichtiger Industriestandort. »Wir waren nie ein rein touristischer Ort und sind um ein Gleichgewicht zwischen Industrie und Tourismus bemüht«, erklärte der Bürgermeister gegenüber »nd«. Unterm Strich zeige sich in Blankenstein, dass auch ländliche Regionen mit entsprechender Unterstützung attraktive Wohnlagen und Arbeitsplätze in einem bieten könnten, sagte Kalich. Er verwies auf die örtliche Zellstoff- und Papierfabrik Rosenthal (ZPR), die nach wie vor »volles Rohr« produziere.

Der florierende Industriebetrieb und der Tourismus bescheren der Gemeinde nicht nur Verkehr, sondern auch Leben und Kaufkraft. Wenige Orte vergleichbarer Größe abseits von Metropolen verfügen über Ärztehaus, Apotheke, Supermarkt, Bäckereien, Friseursalon, Agrargenossenschaft, Gastronomie, Touristikinformation, Postagentur, Sparkasse und Raiffeisenbank.

Jahrelange Bemühungen, eine seit 1945 stillgelegte Bahntrasse durch das nahe Höllental über Marxgrün in Richtung Hof wiederzubeleben, sind bislang am Widerstand übergeordneter Instanzen gescheitert. So bleibt Blankenstein Endstation für Züge aus Richtung Saalfeld.

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