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Dann lieber tagsüber fischen

Patagonien: Wo Nerze auf Otter treffen, ändern sie ihren Lebensrhythmus

Wenn verschiedene Raubtierarten dasselbe Revier teilen, geht das nicht immer gut. Doch im Süden Amerikas, in Patagonien, teilen sich der heimische Südliche Flussotter und der zugewanderte Amerikanische Nerz das Revier.

In Ostafrika dezimieren Löwen und Hyänen Geparden-Bestände, in Russlands Amur-Region enden für Braunbären Begegnungen mit Sibirischen Tigern zuweilen tödlich. Und aus Europa weiß man, dass der eingebürgerte Amerikanische Nerz (Neovison vison) dem angestammten Europäischen Nerz (Mustela lutreola) zusetzt - fragwürdiges Verdienst romantischer Tierfreunde, die in Deutschland Nordamerika-Nerze aus Pelztierfarmen befreit haben.

In den Fjordlandschaften vor der Küste Patagoniens hat sich der Amerikanische Nerz durch menschliche Einbürgerung schon länger breitgemacht. Seinem dortigen Konkurrenten, dem Südlichen Flussotter (Lontra provocax), ist er aber unterlegen.

Zu welchem Arrangement die schwächere Art fähig ist, entdeckte ein Forscherteam, das im Süden Chiles das Zusammenleben von Otter und Nerz studierte: Die Wissenschaftler um Gonzalo Medina-Vogel von der Universidad Andres Bello in Santiago de Chile fanden heraus, dass der Nerz seinen Tagesrhythmus ändert, um dem Otter aus dem Weg zu gehen (»Journal of Zoology«, Bd. 290, S. 27). In den Meeresbuchten vor Chiles Küste ist der Nerz häufig tagaktiv, während die Art sonst eher dämmerungs- und nachtaktiv ist. Das ist auch die bevorzugte Jagdzeit der Südlichen Flussotter.

Die Forscher hatten Otter und Nerze zuvor eingefangen und mit Halsbandsendern versehen. Zugleich suchten die Biologen die Reviere zu Fuß und per Boot nach den Tieren ab. Untersucht wurden hauptsächlich Habitate in Meeresbuchten, wo beide Arten leben. Zum Vergleich wurden Nerze an einem Fluss im Landesinneren beobachtet, wo keine Otter leben. Das Ergebnis dort: Die Nerze hatten den normalen Lebensrhythmus beibehalten.

Beobachtungen untermauerten den Befund der Radiotelemetrie: Wo der Nerz in den Fjordgewässern auf einen Flussotter traf, floh er wie die Katze vor dem Hund. Medina-Vogel hält es für möglich, »dass Otter dem Zugang des Nerzes zu verschiedenen Lebensräumen Grenzen setzen«. Generell bevorzugt der Nerz an der Küste glatte Kiesflächen, der Otter mag es felsig und zerklüftet. Abwechslungsreiche Habitate behagen beiden. Vor allem dort überlappen sich ihre Reviere. Auch ihre Fressvorlieben ähneln sich: Beide Marderarten tauchen nach Fischen und Krebstieren. Nur im Landesinneren jagen Nerze vor allem Kleinnager. Wo der Nerz auf den Otter trifft, verbreitert er sein Nahrungsspektrum, stellten die Forscher fest.

Die Studie zeigt, dass einander feindliche Arten koexistieren können, wenn sie den Lebensraum auf verschiedene Weise nutzen. Statt räumlich auszuweichen, sei eine Veränderung des Tagesrhythmus ein Weg, mit stärkeren Konkurrenten auf gleichem Raum zu leben, so Medina-Vogel.

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