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Das Theater entdeckt eine neue gesellschaftliche »Randgruppe«: die Alten. Eine Wegmarkierung auf dieser Reise stellt die Musiktheaterproduktion »Dem Weggehen zugewandt« dar, die Mitte Juni auf Kampnagel Hamburg Premiere hatte, letztes Wochenende im Berliner Radialsystem gastierte und am 27. und 28. September im Festspielhaus Hellerau zu sehen wird.

An jedem Ort betritt zunächst ein lokaler Chor der Alten die Bühne. Gestandene Chorsängerinnen und -sänger sind dies meist, oft ohne vorherige Theatererfahrung, in Berlin weit mehr Frauen als Männer übrigens. Sie beginnen, »Am Brunnen vor dem Tore« zu singen, etablieren auch die Melodie. Doch bevor man es sich versieht, scheren einzelne Stimmen aus, brechen Sänger aus der festgefügten Schar. Ein Brabbeln setzt ein, wird immer lauter, lässt schließlich den Gesang ersterben.

Das Thema ist gesetzt: Vergessen im Alter, Demenz, Alzheimer. Die Motive tauchen in verschiedenen Schattierungen auf. Etwa wenn Irm Hermann, die einstige Fassbinder-Schauspielerin, die das Klare und Spröde auf so unvergleichbare Art mit dem Biegsamen und Nachhorchenden zu verbinden weiß, einen Text der zur Zeit des Schreibens 89-jährigen Autorin Ilse Helbich über Erinnerungsversuche an ins Dunkel gerutschte Namen und Begriffe in das durch den Chor gebildete Halbrund wirft. Erst versucht sie, den Anfangskonsonanten zu finden, geht das Alphabet durch, wiegt jeden Buchstaben auf Zunge, Gaumen und Lippen, wie ein Weinkenner einen Schluck eines ihm noch unbekannten Tropfens, nur etwas dringlicher, mit einer zunehmenden Spur von Verzweiflung. Danach der Versuch, sich über die Melodie der Vokale, ihre Tonhöhe, den Grad von Offenheit oder Geschlossensein der Laute an das gesamte Wort heranzutasten.

An eine größere Erinnerungstat wagt sich Bärbel Bolle, Volksbühnenschauspielerin jetzt, DT-Mimin früher. Ausgelöst von »Unsere Heimat« lässt sie ein Leben in der DDR Revue passieren, fragt sich nach dem Schönen und weniger Schönen, wiegt es, leicht zweifelnd, ob die Erinnerung sie nicht trüge, und rutscht immer tiefer in die Geschichte des Sohnes hinein, der sie nicht mehr kennen will, der ihr einst weggenommen wurde.

Verbunden sind oft Musik und Erinnerungsleistung. Regisseurin Maria Magdalena Ludwig sieht darin einen durchaus zwiespältigen »Anker in die eigene Vergangenheit«. Bekannte Melodien können Erinnerungen und Emotionen auslösen, eine Brücke auch ins Heute darstellen, wenn sich daraus ein Kontakt zu gerade präsenten Personen entwickelt. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk kommt sie aber auch auf den manipulierenden Charakter von Musik zu sprechen: »Man kann sich da gar nicht wehren. Es ist auch brutal, die Musik ergreift Besitz und bringt Gefühle hoch, die man eigentlich gar nicht fühlen wollte.«

Ein wenig ist dies so, wenn die frühere DEFA-Schauspielerin Carin Abicht sich durch bestimmte Klangfolgen in einstige Tanzstunden hineinversetzt fühlt, geführt vom Tanzlehrer Raum und Zeit zu entschweben scheint - und plötzlich die Musik, komponiert von Manuela Kerer, gespielt vom die Aufführung auch koproduzierenden Berliner Solistenensemble Kaleidoskop, abbricht, stockt, sich verzerrt, Tonqualität verliert, von längeren Pausen unterbrochen ist und schließlich ganz verstummt.

Den eindrücklichsten Auftritt hat Regisseurin Ludwig aber Manfred Andrae vorbehalten. Stumm, verdorrt, zur autistischen Statue eines einst eindrucksvollen Mannes erstarrt, lässt sie den Schauspieler über die Bühne tappen. Musik brandet an dieser schon mehr Fels und weniger Mensch seienden Gestalt auf und ab, ohne dort eine Regung auszulösen. Nicht einmal die Berührung eines anderen Menschen - Bärbel Bolle wirbt, fleht, wagt schließlich den unerhörten Schritt der Umarmung - schafft es, zum in der Tiefe noch immer vermuteten emotionalen und kommunikativen Kern dieser Person vorzudringen.

Über den Verlauf (fast) des gesamten Abends versagt sich Ludwig Andrae - und auch dem Publikum - die Erlösung, das Happy End, die tröstende Erfahrung der Macht der Musik. Hier ist sie machtlos. Kurz entsteht Hoffnung, als Andrae am Cello horcht, die Bewegungen des Musikers aufnimmt. Doch dann herrschen wieder Nacht und Starre - oder besser gesagt, keine Notiz von dem, was im Inneren toben mag, dringt an die für andere sichtbare Oberfläche dieses Menschen. Umso überraschender das Finale. Doch dies sollte nicht beschrieben, sondern erlebt werden.

»Dem Weggehen zugewandt« sensibilisiert für das, was kommt, und worauf unsere Gesellschaft des »Immer Jünger, Immer Schneller, Immer Schriller« keine Antwort hat. Ein Musiktheater für alle Generationen.

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