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Spannung auch in der Stille

Ulrich Hachulla - zum 70. Geburtstag wird der Maler und Grafiker mit Ausstellungen gewürdigt

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

Neue Leipziger Schule - ein hingestanzter Name, bestenfalls zu akzeptieren, weil er Schnellgriffigkeit hat. Das Können derjenigen zeitgenössischen Maler - in diese oberflächlich sortierende Rubrik gesteckt -, die jetzt in millionenschwerem Rampenlicht stehen, deren Ausweis von herausragender künstlerisch-handwerklicher Qualität kommt nicht von ungefähr: Einer ihrer Lehrer war Ulrich Hachulla. Er prägte an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, deren Ruf bester klassischer Ausbildung er mitbegründete, in drei Jahrzehnten eine ganze Generation. Zu deren bekanntesten und jüngsten Vertretern gehören zu Marktgrößen aufgestiegene Künstler wie Neo Rauch, Matthias Weischer, Tim Eitel und Michael Triegel. Letzterer gibt ehrlich und am häufigsten in der Öffentlichkeit kund, wie wichtig ihm die Ausbildung bei Ulrich Hachulla als Leiter der Werkstatt für Radierungen und als Leiter der Grafikklasse fürs Erreichen der eigenen - heute weltweit geschätzten - brillanten Leistungen auch in dieser Kunstgattung war. Den einstigen Meisterschüler und seinen Professor stellt derzeit der renommierte Kunstverein Coburg mit Arbeiten auf Papier vor.

Ein Beitrag Michael Triegels ist dem eben, in der Edition Galerie Schwind erschienenen Werkverzeichnis der Radierungen Ulrich Hachullas (es umfasst die Jahre 1964 bis 2011) als Vorwort beigegeben: eine essayistische Beschreibung der reichen Themenwelt, die sich in Hachullas Radierwerk auftut, ein detailliertes Betrachten einzelner Arbeiten und von Werkgruppen, verflochten mit Reflexionen über die in der persönlichen Beziehung gemachten, auf die Kunst bezogenen Erfahrungen. Eine Charakteristik des Oeuvres, die mit dem Erzählen von Episoden im Zusammensein darüber hinaus eine lebendige Porträtskizze des Verehrten gibt. Dessen Druckgrafik ist es auch, die im Mittelpunkt der Ausstellungen steht, zu denen derzeit die Galerie Schwind in alle ihre Dependancen lädt - in Leipzig, Frankfurt am Main und Berlin. Der besondere Anlass: der runde Geburtstag des 30. Mai 1943 geborenen Ulrich Hachulla.

In dieses grandiose Grafik-Oeuvre von über 700 Radierungen mit der jeweiligen Schau einen konzentrierten Einblick zu bekommen, vor dem Original zu stehen und zu schauen, heißt, dem feinen Strich der Radiernadel zu folgen oder die mit dem Schabeisen geschaffenen Flächen, den Einsatz von Aquatinta und Vernis Mou wahrzunehmen, dem Weiß, Grau und Schwarz, dem Hell und Dunkel in all ihren Valeurs nachzuspüren. Oder der Handhabung von Farbe das Augenmerk zu widmen. Zunächst ist vom Betrachter also der Blick fürs Handwerkliche verlangt. Er wird mit höchstem Genuss belohnt.

Sich technisch auf jahrhundertealter Traditionslinie bewegend, die gerade in Leipzig Höhepunkte aufwies (Max Klinger beispielsweise; und Martin Schongauer, der große Dürer-Vorläufer, war hier zumindest Student), dehnt Hachulla sie subtil, setzt neue Facetten. Wie aus dem Blatt ein Raum wird, das geschieht bei Hachulla auf ganz eigen-artige Weise. Wie auf dem Papier, das erst einmal nichts hat als sich selbst, sich vielerlei Landschaften ausbreiten, Gipfel aufwachsen, wie Menschen, gern in vielfigurigen Gruppen, ein bestimmtes Feld des Blattes einzunehmen haben und sich heftig Handlung vollzieht - Temperamentvolles hat immer Vortritt. Die Dynamik, die aus den Radierungen sprüht, vertreibt jedoch niemals ihre - wenngleich seltsam gebrochene - Schönheit. Und all das in einer schieren Unendlichkeit an Motiven. Charakteristisch erscheint, dass provozierende Sprödigkeit und leichte Eingänglichkeit eine überraschende Liaison eingehen.

Wenn beispielsweise gar Ufa-Stars, nah herangezoomt wie auf einem Werbeprospekt, als Motiv erscheinen, dann ist es nicht nur der Affinität des Künstlers zum Film geschuldet (Mythologie, Literatur, Theater, Musik, Architektur und die bildende Kunst in ihrer ganzen Breite sind Hachullas Inspirationsquellen ebenso). Sondern dann ist hier auch ein handwerkliches Experiment in der Kombination verschiedener technischer Verfahren manifestiert. Und es geht inhaltlich nicht ums Umschwärmen von Relikten aus alter Zeit, statt dessen vielmehr um die Auseinandersetzung mit Idealbildern generell, der Sehnsucht auch - sinnbildhaft gespiegelt - mit sich eins zu sein.

Kein Blatt im Werk des Künstlers, dass sich in der Darstellung auf irgendeine Weise wiederholte. Dergestalt Singularität wird von wohl keinem Radierer sonst erreicht. Malerisches tut sich auf, worauf immer man auch schaut. Und tatsächlich sind vielfach Sujets von Radierungen auf Hachullas Gemälden wiederzuentdecken. Dem Maler Hachulla, dem Generationsgefährten von Arno Rink, Wolfgang Peuker, Volker Stelzmann, und Schüler Werner Tübkes und Bernhard Heisigs, hatte die Galerie Schwind erst unlängst eine Ausstellung gewidmet. Als Kern der Meisterschaft des Menschenbildners und Landschafters in beiden Gattungen wird offensichtlich: Den Werken, selbst denen mit scheinbar stillen Motiven, wohnt eine enorme Spannung inne. Die Spannung der Gegenwart. Sich ihr im Medium auszusetzen, ist Gewinn: Hachullas Kunst macht lebendig.

Galerie Schwind, Leipzig, Springerstraße 5/ Frankfurt am Main, Fahrgasse 8/ Berlin, Auguststraße 1: »Ulrich Hachulla zum 70. Geburtstag«. Jeweils bis 20. Juli. Kunstverein Coburg e.V., Pavillon im Hofgarten: »Ulrich Hachulla und Michael Triegel - Arbeiten auf Papier«, bis 11. August

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