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Hellersdorf-Lichtenhagen

Informationsgespräch zu geplantem Flüchtlingsheim eskalierte

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Rund 1000 Menschen trafen sich am Dienstagabend im Berliner Stadtteil Marzahn-Hellersdorf, um über eine Notunterkunft für Flüchtlinge zu diskutieren. Doch statt Diskussionen gab es fremdenfeindliche Parolen und Applaus für die NPD.

»Ich muss morgens zur Arbeit, wenn es noch dunkel ist. Wer kümmert sich um meine Sicherheit?«, wütet eine Frau. Und weiter: »Wer kommt dafür auf, wenn einer von den Asylanten mein Auto klaut?«
Dienstagabend in einer Schule in Hellersdorf. Bezirk und Landesamt für Gesundheit und Soziales hatten zu einer Informationsversammlung eingeladen. Die seit Jahren leer stehende Nachbarschule soll in ein Heim für Asylbewerber umgewandelt werden. 2000 Plätze für Asylbewerber braucht Berlin noch in diesem Jahr. 400 von ihnen sollen in Hellersdorf entstehen. Der Bezirk will informieren.

Doch es kommt anders. Der Schulhof ist mit rund 1000 Personen übervoll. Die Stimmung unter den dicht gedrängten Menschen ist aggressiv. Ein Großteil der Anwohner will die neuen Nachbarn nicht haben. Sie fürchten Kriminalität und Müll, »Überfremdung« und einen Wertverlust ihres Wohnumfeldes. Unter die Anwohner haben sich Mitglieder der rechtsradikalen NPD gemischt, auch Landeschef Sebastian Schmidtke. Sie heizen die Stimmung an.

Eine sachliche Information ist unter diesen Bedingungen nicht möglich. Franz Allert vom Landesamt für Gesundheit und Soziales, das das Heim einrichtet, gibt sich alle Mühe. Er erläutert, dass keines der 30 Asylbewerberheime in der Stadt ein Kriminalitätsschwerpunkt sei. Auch wenn das zu Beginn immer befürchtet wurde. Allert wird niedergebrüllt und ausgepfiffen.

Bürgermeister Stefan Komoß (SPD) hatte zwar zu Beginn zu Besonnenheit gemahnt und mit dem Hausrecht des Bezirkes gedroht. Doch angesichts der dicht gedrängten und aufgeputschten Menschenmassen war es praktisch unmöglich, dieses anzuwenden. Die Polizei, die mit 200 Kräften vor Ort war, hätte niemanden nach draußen begleiten können, ohne eine Massenschlägerei zu riskieren.
Klaus-Jürgen Dahler, ein Bezirksverordneter der LINKEN, zog einen zutreffenden Vergleich: »Sebastian Schmidtke und seine NPD heizen hier die Stimmung an, mich erinnert das an Rostock-Lichtenhagen.« Und die Drohung, das noch nicht bezogene Gebäude abzufackeln, stand tatsächlich im Raum: Mehrere Teilnehmer aus dem rechten Spektrum trugen T-Shirts mit dem Datum »22.-26. August 1992« Die Tage des Pogroms von Rostock. »Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt«, skandierte einer der Männer immer wieder. Derzeit hat die Baustelle, in die Mitte des Monats die ersten Asylsuchenden einziehen sollen, nicht einmal Polizeischutz.

Dennoch wirbt Allert souverän um Verständnis für die neuen Nachbarn. Aber er ist schlecht vorbereitet. Er kann die Nazis unter den Zuschauern nicht von den Anwohnern unterscheiden und gibt mehreren Nazis, ohne es zu wissen, das Mikro in die Hand. Sebastian Schmidtke nutzt das, um zu erklären, dass »wir« gegen das Heim wären. Zwei Nazifrauen geben sich als besorgte Anwohnerinnen aus. Sie geben vor, sich um Kinder und Auto zu sorgen. Schmidtkes Truppe klatscht laut Beifall. Anwohner stimmen in die Chöre ein, die »Nein zum Heim« und »Volksverräter« skandieren. Leise halten Antifas dagegen. »Nazis raus« rufen sie. Bei den Hellersdorfern kommt das ganz schlecht an. »Es ist eine Frechheit, mich Nazi zu schimpfen, weil ich gegen das Heim bin«, erbost sich eine Frau.
Eine Syrerin macht nach der Versammlung ihren Sorgen Luft: »Die Hälfte meiner Verwandten und Freunde wurden in Syrien getötet. Viele meiner Landsleute setzen große Hoffnung in eine Flucht nach Deutschland. Doch ich habe heute sehr viel Hass gesehen. Finden Sie es eine gute Idee, die syrischen Flüchtlinge hierher zu bringen?« Sie ließ einen ratlosen Franz Allert zurück.
Seine Sprecherin Silvia Kostner erklärte am Mittwoch, Berlin halte an dem Plan fest, Asylsuchende in Hellersdorf unterzubringen. »Wir brauchen den Platz und haben keine Alternative.« Viele der Bewohner dort, das bestätigt sie, werden in der Tat aus Syrien kommen.

Klaus Wowereit (SPD) mahnt nach der Veranstaltung zu »Toleranz mit den Menschen, die von überall auf der Welt zu uns kommen«. Das sei »die Grundlage unseres Gemeinwesens. Sie muss täglich geschützt und auch verteidigt werden.« Sozialsenator Mario Czaja (CDU) erklärt, die Veranstaltung hätte der Information der Bürger dienen sollen. »Dieses Dialog- und Informationsangebot werden wir auch weiterhin aufrecht erhalten, da wir die Fragen und Sorgen der Anwohnerinnen und Anwohner ernst nehmen. Die Erfahrung zeigt, dass durch Information und Aufklärung die ablehnende Haltung der Bürgerinnen und Bürger ausgeräumt werden können. Unser Gesprächsangebot gilt jedoch ausdrücklich nicht für Neonazis.«

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