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Kritik einer Illusion

Erstmals vollständig in deutscher Sprache: Die Artikelserie von Rosa Luxemburg zur Nationalitätenfrage

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In seiner Studie zu »Nationen und Nationalismus« hat Eric Hobsbawm darauf hingewiesen, dass der Topos »nationale Befreiung« im 20. Jahrhundert zu einem der wichtigsten und am wenigsten umstrittenen »Schlagworte der Linken« geworden sei. Obwohl er dem Marxismus eigentlich fremd war. Bei der Gründung des Bundes der Kommunisten waren Marx und Engels noch von einer Aufhebung der Nationalität durch die Bewegung der Arbeiter ausgegangen. Gleichwohl sie die Beförderung der bürgerlichen Revolution zu einer taktischen Befürwortung der polnischen und irischen Nationalbewegungen trieb.

Seinen Siegeszug verdankt die linke Losung von der »nationalen Befreiung« der Anerkennung des »Selbstbestimmungsrechts der Völker« durch die die beiden großen Strömungen der sozialistischen Bewegung repräsentierenden internationalen Assoziationen: 1896 hatte die II. Internationale sich die Forderung nach dem »Nationalitätenprinzip« zu eigen gemacht. Und 1920 folgte die gerade gegründete Kommunistische Internationale diesem Beispiel und erweiterte die Parole von der Vereinigung der Proletarier aller Länder aus dem »Kommunistischen Manifest« um die Vereinigung der unterdrückten Völker. Seitdem standen viele der nationalen und antikolonialen Bewegungen unter kommunistischem Einfluss.

Längst vergessen war da, dass die wichtigsten marxistischen Theoretiker im Vorfeld dieser Beschlüsse zur »Nationalitätenfrage« hart miteinander gerungen hatten. So nachhaltig war der Sieg der Befürworter des Selbstbestimmungsrechts, dass die Positionen Rosa Luxemburgs, der wichtigsten Kritikerin dieses Prinzips - bereits auf dem Kongress 1896 hatte sie vor einer »Kette unfruchtbarer nationaler Kämpfe« gewarnt -, kaum noch zur Kenntnis genommen wurden. Wie auch? In der in Ostberlin erschienenen Werkausgabe fehlte ihre grundlegende analytische Artikelserie »Nationalitätenfrage und Autonomie« vollends. Und in der Bundesrepublik erschienen lediglich Auszüge in dem 1971 von Jürgen Hentze herausgegebenen und längst vergriffenen Band »Internationalismus und Klassenkampf«.

Nun hat Holger Politt, Philosoph und von 2002 bis 2009 Leiter des Warschauer Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung, die komplette Artikelserie endlich erstmals in deutscher Übersetzung vorgelegt und damit eine Lücke geschlossen. Die 1908/09 in der »Przeglad Socjaldemokratyczny«, der theoretischen Monatsschrift der Sozialdemokratischen Partei des Königreichs Polen und Litauens (SDKPiL), erschienenen Artikel richteten sich vor allem gegen die das »Selbstbestimmungsrecht« befürwortende Position der Bolschewiki, mit denen sich die SDKPiL gerade vereinigt hatte. Zwar bestand grundsätzliche Einigkeit zwischen den beiden Hauptkontrahenten Lenin und Luxemburg darin, dass es sich beim Selbstbestimmungsrecht um eine »Losung des bürgerlichen Nationalismus« im Prozess der Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise handele. Umstritten blieb dagegen, wie man mit den diversen Nationalbewegungen in Europa, zunehmend aber auch in Asien umgehen sollte.

Der russische Revolutionär berief sich darauf, dass »eine ›reine‹ soziale Revolution« nicht zu erwarten stehe und die Kommunisten daher gezwungen seien, »im großen Befreiungskampf des Proletariats für den Sozialismus jede Volksbewegung gegen die einzelnen Bedrängnisse des Imperialismus zur Verschärfung und Ausweitung der Krise zu nutzen«. Dahingegen analysierte die deutsch-polnische Revolutionärin die Situation völlig anders. Für Rosa Luxemburg war die Möglichkeit der proletarischen Revolution längst herangereift und jegliche nationale Forderung damit »reaktionär« geworden: »Der Gedanke, das moderne Proletariat könnte als eigenständige und bewusste Klasse erst noch den modernen Nationalstaat schaffen, gliche bereits aus geschichtlicher Perspektive dem Vorschlag, die Bourgeoisie eines beliebigen Landes möge vorzüglich den Feudalismus einführen.«

Dass Politt in seiner Einleitung kaum auf die Diskussionen der Zeit eingeht und die Debatte zwischen Luxemburg und Lenin zu einer um Demokratie umdeutet, für die sich außer der randständigen Divergenz um die Aspekte lokaler Selbstverwaltung kaum Belege finden lassen, ist unbefriedigend. Dank gebührt ihm aber in jedem Falle für die sorgfältige Herausgabe der Artikelserie.

Für die längst überfällige Kritik der »Illusion« (Hobsbawm) eines Zusammenhangs von sozialer und nationaler Emanzipation aus der Perspektive eines »klassenbezogenen Internationalismus«, wie ihn Rosa Luxemburg einnahm, dürfte sich dieser Band als unverzichtbar erweisen.

Rosa Luxemburg: Nationalitätenfrage und Autonomie. Herausgegeben und übersetzt von Holger Politt. Karl Dietz Verlag, Berlin. 302 S., br., 24,90 €.

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