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Das Kreuz mit den Zahlen

Studie offenbart: Viele Deutsche können selbst einfache mathematische Aufgaben nicht lösen

Über kein anderes Schulfach stöhnen Kinder mehr als über Mathematik. Zahlen, Formeln, Grafiken - das alles sei viel nur kompliziert und obendrein unnütz, heißt es oftmals zur Begründung. Ein Irrtum: Ohne Mathematik wäre unser Alltag um viele Dinge ärmer.

Was gehört zu einer guten Bildung? Darüber gibt es in Deutschland geteilte Auffassungen. Landläufig gilt ein Mensch als gebildet, wenn er über gute Sprach- und Geschichtskenntnisse verfügt, sich für Musik, Kunst und Literatur interessiert und die wichtigsten Werke der Philosophie gelesen hat. Mehr sei im Grunde nicht nötig, meinte der inzwischen verstorbene Literaturwissenschaftler Dietrich Schwanitz, dessen 1999 erschienenes Buch »Bildung. Alles was man wissen muss« in Deutschland ein Bestseller wurde. Darin findet sich auch der bemerkenswerte Satz, dass Bildung sich vor allem in der Fähigkeit zeige, »bei der Konversation mit kultivierten Leuten mitzuhalten, ohne unangenehm aufzufallen«.

Folglich ließ Schwanitz die Naturwissenschaften und die Mathematik in seinem Bildungskanon unberücksichtigt. Tatsächlich haben viele Menschen hierzulande keine Scheu, mit ihren schlechten Schulnoten im Fach Mathematik öffentlich zu kokettieren. Und selbst wer zugibt, bereits mit der Lösung einfachster mathematischer Aufgaben überfordert zu sein, muss keine missbilligenden Blicke befürchten. Eher werden ihm seine Gesprächspartner verständnisvoll zustimmen: »Mir geht es nicht viel anders.«

Dabei müssen alle Schüler in Deutschland einen recht umfänglichen Mathematikunterricht absolvieren. Und das aus gutem Grund. Denn die Mathematik ist nicht nur die »Mutter aller Wissenschaften«, wie der Computerpionier Joseph Weizenbaum einmal sagte. Sie ist auch eine Kulturtechnik, die es Menschen ermöglicht, sich besser in einer großenteils auf Zahl und Maß gegründeten Welt zurechtzufinden. Außerdem erfüllt der schon in der Grundschule einsetzende Mathematikunterricht die pädagogische Funktion, Kindern die Kraft und die Vorzüge des logischen Denkens zu demonstrieren, das in anderen Bereichen unserer Gesellschaft mitunter sträflich missachtet wird.

Soweit die Theorie. In der Praxis hingegen empfinden viele Schüler das Fach Mathematik als Belastung und tun nur das Nötigste für die obligatorischen Prüfungen. Um herauszufinden, wie die mathematischen Fähigkeiten bei erwachsenen Deutschen ausgeprägt sind, hat die »Stiftung Rechnen« kürzlich eine repräsentative Studie durchgeführt, an der über 1000 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren teilnahmen. Diese sollten 30 Aufgaben mit Alltagsbezug lösen, die in der Regel das Niveau der 8. Klasse nicht überschritten.

So wurde etwa gefragt, wie viel 300 Gramm Rinderfilet kosten, wenn der Preis für 400 Gramm 32 Euro beträgt. Auf die richtige Lösung (24 Euro) kamen immerhin 87 Prozent der Teilnehmer. Eine andere Aufgabe lautete: Wie viel länger dauert es, wenn man eine Strecke von 240 Kilometern statt mit 120 km/h nur mit 100 km/h fährt? Hier lagen nur 28 Prozent richtig (24 Minuten). Etwas mehr, nämlich 33 Prozent, waren es bei der Frage, was mit dem Volumen eines Würfels passiert, wenn man dessen Kantenlänge verdoppelt (sie verachtfacht sich). Und selbst bei der simplen Rechenaufgabe 2/3 + 1/6 fanden nur 62 Prozent die richtige Lösung.

Obwohl die Auswertung der Studie noch läuft, können deren Organisatoren eines jetzt schon sagen: Diejenigen Teilnehmer, die in der Schule gute Noten im Fach Mathematik hatten, schnitten im Test besser ab als diejenigen mit schlechten Noten. Das unterstreiche die Bedeutung eines guten Mathematikunterrichts, meint der für die Aufgaben mitzuständige Saarbrücker Mathematikprofessor Anselm Lambert: »Wir wollen die Erkenntnisse der Studie gezielt nutzen, um herauszufinden, was Schule langfristig gesehen besser machen kann.«

Denn ob Schüler das Fach Mathematik schätzen lernen oder sich davor fürchten, entscheidet sich bereits in der Grundschule. Aber wie kann man Sechs- bis Zehnjährige für Mathematik begeistern? Nicht, indem man ihnen fertiges Wissen vorsetzt. Ein Lehrer sollte seine Schüler vielmehr ermutigen, bei der Lösung mathematischer Aufgaben zunächst nach eigenen Wegen zu suchen. Und er sollte ihnen gestatten, dabei Fehler zu machen und aus diesen Fehlern zu lernen, statt sie vorschnell zu beanstanden, fordern die Didaktikprofessoren Hartmut Spiegel und Christoph Selter, die sich an ihren eigenen Schulunterricht im Fach Mathematik mit eher gemischten Gefühlen erinnern: »Man lernte vor allem dem eigenen Denken zu misstrauen und der vorgegebenen Lösungsmöglichkeit zu folgen.« In ihrem Buch »Kinder & Mathematik« vertreten beide Wissenschaftler die Auffassung, dass auch Grundschüler in der Lage sind, mathematische Zusammenhänge selbst zu entdecken.

Ein Beispiel: In der ersten Klasse zeigte ein Lehrer seinen Schülern, wie man Additionsaufgaben löst, deren Ergebnis größer ist als 10. Also etwa 7+5: Man ergänze zuerst bis 10 (7+3=10) und zähle danach den Rest hinzu (10+2=12). Um dieses Verfahren im Unterricht zu üben, fragte der Lehrer den kleinen Timo: »Wie viel ist 9+4?« Timo antwortete: »Wenn es 10 wären, wären es 14, weil 5+5 ist ja 10, und 4 dazu ist 14. Aber es ist ja 5+4 ...« An dieser Stelle unterbrach der Lehrer den Jungen und erklärte vor der Klasse: »Der Timo hat große Schwierigkeiten in Mathematik. Ich glaube, er hört mir nicht richtig zu.« In Wirklichkeit hatte der Lehrer nicht richtig zugehört, denn Timo war von selbst auf eine elegante Lösung der Aufgabe gestoßen: 10+4=14, also ist 9+4=13.

Mathematik zu erlernen, ist zweifellos schwierig. Deshalb sollte ein Lehrer gerade in diesem Fach vermeiden, dass Schülerinnen und Schüler bei der Aneignung des Stoffes durch vermeintliche Misserfolge zu früh entmutigt werden und so den Eindruck gewinnen, dass sie für die Lösung mathematischer Aufgaben nicht begabt genug seien. Denn ein solches Selbstbild führt bei Kindern erfahrungsgemäß zu einem Leistungsabfall, aus dem wiederum häufig eine Abneigung gegen alles Mathematische resultiert.

»Wir brauchen einen Mathematikunterricht, der Neugierde weckt, begeistert und Menschen für den Alltag fit macht«, sagt der geschäftsführende Vorstand der Stiftung Rechnen, Johannes Friedemann. Tatsächlich kann jemand, der gut im Rechnen ist, etwa durch den Vergleich von Handyverträgen oder Stromtarifen bares Geld sparen. Neben solchen Nützlichkeitserwägungen sollte jedoch nicht vergessen werden, dass die Mathematik auch eine eminent philosophische Dimension besitzt, wie der französische Schriftsteller Jean-Henri Fabre einmal schrieb: »Sie ist eine wunderbare Lehrerin für die Kunst, die Gedanken zu ordnen, Unsinn zu beseitigen und Klarheit im Geiste zu schaffen.«

Alle 30 Aufgaben der erwähnten Studie findet der Leser unter: stiftungrechnen.de

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