»Nur eine politische ist eine echte Lösung«

Rechtsanwalt Ans Joudeh von der Bewegung »Den Syrischen Staat aufbauen« zur Lage im Land

Der Rechtsanwalt Ans Joudeh engagiert sich in der Bewegung »Den Syrischen Staat aufbauen«, die sich seit Herbst 2011 für eine gewaltfreie Veränderung der syrischen Gesellschaft einsetzt. Mit Diskussionen und Seminaren soll das zivilgesellschaftliche Engagement gefördert werden. Mit dem Anwalt sprach in Damaskus Karin Leukefeld.

nd: Was glauben Sie: Was belastet die Bevölkerung Syriens im dritten Kriegsjahr besonders?
Joudeh: Ich kann zunächst nur für Damaskus und Umgebung sprechen, wo ich wohne. Die Leute haben sich in gewisser Weise an Artillerie, Gewehrfeuer und Kampfjets gewöhnt. Was sie jetzt besonders trifft, ist die wirtschaftliche Situation. Sie können ihre Lebensmittel kaum noch bezahlen. Ein Grund dafür sind die Belagerungen in umkämpften Gebieten. In manche Orte im Umland von Damaskus lässt das Regime keine Lebensmittel hinein. Die »Freie Syrische Armee« drangsaliert die Bevölkerung auf ähnliche Weise, zum Beispiel in Aleppo. Wir haben eine hohe Inflationsrate. Mancher verdient so wenig, dass sein Monatsgehalt nach einer Woche aufgebraucht ist - eine Katastrophe.

Manche Leute erwarten Hungerrevolten.
Vielleicht wird es kleinere Aufstände geben. In Aleppo wird gegen die »Freie Syrische Armee« protestiert, um den Zugang zu Märkten zu erzwingen. Aber Damaskus und andere Städte stehen unter scharfer Kontrolle von Armee- und Sicherheitskräften. Ein Demonstrant kann dort im Handumdrehen erschossen werden.

Es gibt also nicht allein tägliche Gewalt infolge des Krieges?
Allein in Damaskus, so hieß es, wurden 3000 Diebstähle und Raubüberfälle registriert, für welchen Zeitraum diese Zahl gilt, weiß ich nicht. Das sind aber nur die gemeldeten Fälle. Auch einer unserer Aktivisten wurde ausgeraubt, am hellen Tage, auf einem Markt in Mezzeh. Damit werden wir leben müssen, solange der Krieg dauert und sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert. Offenbar ist das aber beiden Seiten egal.

Kann eine Friedenskonferenz, wie sie für Genf vorgeschlagen ist, eine Lösung bringen?
Wenn sie stattfindet, sicherlich. Die einzige Möglichkeit für uns als im Lande befindliche Opposition besteht wohl darin, unsere Öffentlichkeitsarbeit auszuweiten. Allein eine politische Lösung bedeutet eine echte Lösung, und wir müssen uns darauf vorbereiten. In Damaskus, in Sweida, in den Küstenstädten. Wir müssen uns bewegen. Das gilt für uns und die ganze Opposition. Alle, die sich hier politisch in der Opposition betätigen, mich eingeschlossen, wurden von niemandem gewählt, wir tun das aus freien Stücken. Also müssen alle, die hier im Land etwas bewegen wollen, auch etwas für eine politische Lösung tun. Und zwar hier, in Syrien. Sie müssen Projekte, Gruppen, Bewegungen gründen, sich politisch engagieren, damit die Bevölkerung eine Wahl hat.

Sie haben gesagt, die Mittelklasse, die Intelligenz verlasse Syrien. Diese Tendenz wird durch Flüchtlingsprogramme in Europa gefördert, die notleidenden Menschen helfen sollen, tatsächlich aber bestimmte Gruppen auswählen. Deutschland nimmt 5000 Flüchtlinge aus Syrien auf, die gut gebildet und möglichst Christen sein sollen. Was denken Sie, wenn Sie das hören?
Sie werden wohl nicht zurückkommen. Das sind keine Stipendienprogramme für Studierende. Diesen Menschen wird ein Daueraufenthalt angeboten. Wenn man speziell Christen aufnehmen will, sage ich nein. Die Christen in Syrien geben mir Kraft. Nicht, dass ich Christen als »menschliche Schutzschilde« hierbehalten will, aber wenn man sie aus unserem Land herausholt, ändert das die gesellschaftliche Struktur. Christen sind in Syrien tief verwurzelt, sie waren hier vor dem Islam, es ist ihr Land. Auch mit der Darstellung der Konfliktlinien machen es sich viele zu einfach, indem gesagt wird, dass hier Sunniten und Alawiten gegeneinander kämpfen. Das trifft nicht den Kern des Problems, sondern bedient andere Interessen.

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