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Typen, Tagwerke und Träume

Bei den Menschen des Allgäus kann man in die Schule der Gelassenheit gehen

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 6 Min.
Das deutsche Allgäu gehört weitgehend zu Bayern. Dies geschah historisch willkürlich und zufällig. Denn eigentlich ist es im Osten schwäbisch, in der Mitte und im Westen alemannisch. Entsprechend die Menschen mit ihrer Mundart, ihrer Arbeit, ihrem Leben. »Das Land hat vielerlei Täler, Ecken und Winkel«, schreibt der Alemanne Hermann Hesse. »Aber jedes Tal, auch das engste, hat seine Öffnung nach der Welt.« Zu des Dichters Zeiten war damit die verbindende Kraft der Bäche und Flüsse gemeint. In eher prosaischer Weise kamen Ende der 50er des vergangenen Jahrhunderts mehr und mehr neu gebaute Straßen hinzu. Und auf ihnen die Touristen. Dergestalt ist das Allgäu längst ein deutscher Superlativ: die längsten Wander- und Langlaufloipen, die meisten naturbelassenen Abfahrtpisten, die meisten Adressen für Gesundheits- und Wellnessurlaub bezogen aufs Hotelgesamtangebot, aber relativ auch die meisten Golfplätze und die meisten Fünf-Sterne-Häuser. Der alemannische Schlag ist indes geblieben. Mit einem dieser unverwechselbaren Typen sollte man am besten gleich seinen Urlaub beginnen. Etwa mit Bergführer Wolfgang Zeller. Obwohl er Anfang der 90er noch Mitglied der Trickski-Nationalmannschaft war, sind seine Touren alles andere als halsbrecherisch. Zeller, seit seiner aktiven Zeit etwas fülliger geworden, kreiert »Entschleunigungs-Wandern«. Wie er betont, »gegen den wahnwitzigen Trend bei vielen Leuten, den Leistungsdruck des Alltags mit in den Urlaub zu nehmen und lediglich gegen Wanderrekordziele einzutauschen«. Der Bauernsohn und gelernte Zimmermann will die Natur für die Sinne wecken und damit für Sinnlichkeit. In der Umgebung von Balderschwang, dem »höchsten und schneesichersten Ort Deutschlands«, kennt er jeden Stein und Pfad, jedes Gras, jeden Strauch, jedes Tier. Am Ende einer Tour wissen wir dann auch, wie lang drei Minuten und wie manifest sie im Gedächtnis verhaftet sein können. »Jetzt mal drei Minuten schweigen«, fordert er bei einer Rast. Um uns und in uns breitet sich tiefe Stille aus. Lebensstille. »Erinnert euch mal dran, da unten in euren Städten«, sagt er. Wir erinnern uns daran schon tags darauf, als wir unten in Balderschwang den Sepp Kienle in seinem Sägewerk besuchen. Er ist jetzt 83, und sein Arbeitsleben ist zwar nicht leicht, aber eben auch sehr »entschleunigt«. Die Wassersägemühle hat er vom Vater übernommen. Und auch deren Einrichtung: ein kleines, voll funktionsfähiges Technikmuseum. »Viel zu sägen ist ja nicht mehr«, räumt Kienle ein, »doch was sollte ich sonst den ganzen Tag tun. Außerdem freue ich mich, wenn ich im Dorf die Häuser sehe, wo mein Holz drin steckt oder auch zu sehen ist.« Die bayerische Alm heißt auf Alemannisch Alpe. Und auf dieser sind im Allgäu so um die 33 000 Rinder und 1000 Schafe. Damit sie in der freien Natur nicht verloren gehen und untereinander ein originäres Herdsignal haben, tragen viele (gegossene) Glocken oder (geschmiedete) Schellen. Rudolf Euringer fertigt dafür in seinem Eisenwarenladen in Sonthofen die Lederhalsbänder und Gravuren. »Das wird auch alles ganz gern von Touristen gekauft«, erzählt er. »Was die damit zu Hause machen, weiß ich ja nicht. Na, ist mir auch egal, sollen sie glücklich werden.« In der Umgebung, für die diese Glocken und Schellen vorgesehen sind, können wir sie dann auf der Willersalpe der Bertele-Brüder bestaunen - an samtenen Rindviehhälsen. Zur Alpe, die auch eine Wandererherberge ist (zwei Mal 15 Matratzen, zehn Euro pro Nacht), steigt man vom Dörfchen Hinterstein etwa eineinhalb Stunden hoch. Stephan, einer der Brüder, macht das in der Saison jeden Tag mit seinen drei Haflingern, um die Gästeverpflegung zu sichern. Außer Käse natürlich, den produzieren sie hier oben selbst. Christian kümmert sich um das Geschäftliche und Markus um die Wirtschaft. »Hier in der Natur ists doch was anderes als in der Werkstatt«, erläutert er seinen einstigen Wechsel von der Schreinerei. Markus war in der Familie die treibende Kraft für das Unternehmen unterm Alpengipfel. »Die Alpewirtschaft ist auch wichtig für die Pflege unserer Kulturlandschaft. Ohne Vieh werden Humus und Bewuchs weniger, die Erosion nimmt zu, Lawinengefahr wächst, der Boden kann kein Regenwasser mehr halten. Und letztlich hätten wir dann auch keine Wandergäste mehr«, macht er diese einfache Rechnung mit ihrer großen Tragweite auf. Der 32-Jährige fühlt sich übrigens nicht als Eigenbrötler oder gar Widerständler gegen all den Fortschrittswahn. Er setzt dem einfach Beständigkeit entgegen. Dass die im Allgäu recht gut mit Geschäftssinn einhergeht, erleben wir auch bei Albert Scholl in der Hammerschmiede und bei Schlittenbauer Rudolf Finkel. Beides sind keine Folklore-Werkstätten, sondern Produktionsräume. Aber eben handwerkliche. Und wenn Meister Scholl so nebenbei erzählt, dass die hölzerne Hauptwelle des wassergetriebenen Hammers unlängst nach 80 Jahren ausgewechselt wurde, lässt sich durchaus vorstellen, dass die neue auch so lange in Betrieb sein wird. Immerhin hat sich Scholl sehr zukunftsträchtig auf geschmiedete Bratpfannen spezialisiert, die natürlich Ceranfeld-tauglich sind und zudem noch alle Vorzüge neuester schonender Braterkenntnisse in sich vereinigen. In ähnlicher Weise trifft das auch auf Schlittenbauer Finkel zu. »So, das hält dann ewig. Na, sagen wir fast«, kommentiert er den abschließenden Hammerschlag auf den letzten Dübel seines, bis auf den Kufenbeschlag eisenfreien Esche-Modells. Etwa 40 Stunden braucht er für jeden Rodel, für 150 Euro verkauft er ihn. »Reich kann ich bei der Billig-Konkurrenz im Baumarkt nicht werden, doch dafür macht es viel Freude.« Hauptsächlich lebt er von den Drechselarbeiten, die Touristen gern kaufen. Dass er als gelernter Stellmacher einstmals hölzerne Wagenräder anfertigte, klinge für Kunden schon wie ein Märchen. Geigenbauer Pierre Chaubert hat in Füssen 1982 den Geigenbau nach 146 Jahren wiederbelebt. Er arbeitet zwei Monate an einer Bestellung, nimmt im Schnitt 14 000 Euro, behält die Geige aber auch, wenn sie denn dem Kunden zu guter Letzt - was allerdings selten passiert - doch nicht zusagt. Ob er davon träume, auch für die ganz großen Solisten zu arbeiten? Der gebürtige Schweizer ist da ebenso Realist wie Optimist. »Die sind alle mit ihren Stradivaris ganz gut versorgt. Vielleicht aber spielen ihre Nachfolger ja in 100 Jahren auch mal auf Chauberts.« So an sein eigen Werk heranzugehen, setzt einiges an »entschleunigter« Lebenseinstellung voraus. Und so schließt sich bei Geigenbauer Pierre Chaubert der Allgäuer Kreis, der bei Bergführer Wolfgang Zeller begonnen hatte.
Prospektservice Allgäu, Postfach 102529, 86015 Augsburg, Tel.: (01805) 12 70 00, info@allgaeu.de www.allgaeu.de AllgäuTop&LandHotels, 87527 Sonthofen, Tel.: (0800) 25 73 678, www.tophotels.by, www.landhotels.by Bergführer Wolfgang Zeller, Sonthofen, Tel.: (08321) 26 218, 0172- 830 86 36. way-out@onlinehome.de Sägewerker Sepp Kienle, Balderschwang, Tel.: (08328) 221, post@adlerkoenig.info Riemen und Schellen, Rudolf Euringer, Tel.. (08321) 25 04. Hammerschmied Albert Scholl, Bad Hindelang, (08324) 581, www.hammerschmiede-scholl.de Schlittenbauer Rudolf Finkel, Bad Hindelang, Tel..: (08324) 28 22. Willersalpe, Markus Bertele, Oberstdorf, Tel.: 0171- 99 39 847. Geigenbauer Pierre Chaubert, Füssen, Tel.: (08362) 92 10 85.

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