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Die große Altkanzlerkoalition

  • Von Uwe Kalbe
  • Lesedauer: ca. 3.0 Min.
Hunderte weiße Luftballons erhoben sich am Donnerstag über Liverpool. Die Geburtsstadt John Lennons gedachte ihres großen Sohnes. Wie er, wollte sie der Welt eine Botschaft der Liebe und des Friedens übermitteln. Schweigeminute in der Stadt. Ein Liverpooler Kaufhaus enthüllte einen Schrein. Schriftzüge auf den Ballons wie Psalmen: »Wir brauchen seine Stimme mehr denn je«. Das brauchen wir mehr denn je: Friedensballons! »Hab nen Luftballon gefunden. Denk an dich und lass ihn fliegen ...« Es ist lange her, dass Nena mit ihren »99 Luftballons« die kautschukverarbeitende Industrie aufs anmutigste gegen die Krieger dieser Welt in Stellung brachte. Ballons wie Friedens-tauben. Solche Botschaften sind selten geworden. Stattdessen beherrschen krümelige Glückskekse die öffentliche Meinung. Nein, John kommt nicht zurück. Da hilft auch kein Friedensballon. Dafür kommt Helmut Kohl. Wenigstens er. Auch ein Garant des Friedens. Des innerparteilichen insbesondere. Er soll deshalb wieder stärker in die Parteiarbeit der CDU eingebunden werden, heißt es. Generalsekretär Pofalla will ihm am Wochenende die Schwierigkeiten erläutern, in denen die CDU steckt. Eine Partei wie ein Glückskeks. Ihre Sollbruchstellen fürchtet Angela Merkel mehr noch als die Friedensfähigkeit Helmut Kohls. Das Parteiprogramm, also das Schicksal der Union, hängt von ihm ab. Helmut Kohl wird seine Memoiren einbringen müssen. Da ist alles drin, was für die Partei in Zukunft wichtig ist. Unglücklicherweise findet sich in seinen Erinnerungen keine Erwähnung der Beatles. Aber man darf sicher davon ausgehen, dass auch Helmut in jungen Jahren ein wenig mit den Zehen wippte, wenn »Imagine« erklang und er sich seine Zeit im Kanzleramt ausmalte. Immerhin ist bekannt, dass Familie Kohl später in eine Art Austausch diplomatischer Noten mit Paul McCartney und dessen Frau eintrat. Man schickte sich die selbst verfassten Kochbücher. Allerdings führte dies zu keiner Annäherung, weil die Vegetarier Linda und Paul »not amused« waren über Hannelores Saumagenrezepte, mit denen sich diese für die fleischlosen Rezeptideen revanchierte, die bei ihrem Gatten zu einem kurzzeitigen Verlust seiner Friedensfähigkeit geführt hatten. Wer über einen Fundus an selbst verfasster Literatur verfügt, braucht Rat suchende Generalsekretäre nicht zu fürchten. Auch Gerhard Schröder macht sich deshalb daran, seine Memoiren zu verfassen. Auch er hat überlegt, mit welcher grundlegenden Botschaft er sich seiner Partei als Berater auch in späterer Zeit empfehlen will. Es ist die gleiche wie die von Kohl: Entscheidend ist, was hinten rauskommt. Schröder wird die Memoiren-Konkurrenz über das Honorar ausstechen. Von einem Betrag im Millionenbereich ist die Rede. Doch Schröder hat auch versprochen, dann endlich den wahren Grund für die vorgezogene Bundestagswahl zu verraten. So etwas würde Kohl nie tun: Sachen verraten. Deshalb erhielt er für seine Erinnerungen auch nur 500 000 Euro. Damit ist er nicht mehr wert als Joschka Fischer, der Konsalik unter den Politikern. Aber wer weiß, ob Schröder hält, was er verspricht. Vielleicht gibt er gar nicht zu, dass er die Bundestagswahl leicht überhastet wegen eines ihm persönlich von der CIA angedrohten Folterfluges eingeleitet hat. Weil er sich so standhaft gegen eine Kriegsbeteiligung in Irak wehrte. Dass Schily, Struck und Fischer ihm abgeraten hatten, den Luftraum über Deutschland mit Ballons zu versiegeln. Stattdessen sollte ein Strohmann ausgeliefert werden, ein Herr El-Masri. Schröder hatte es gewusst: Das konnte nicht gut gehen. Der Mann hatte ja gar keine Ahnung. Das mussten auch die Amis merken. Doch erst mit astreinen Englischkenntnissen war Schröder bereit zu singen. Genauso wie zu Gesprächen über den Irak-Krieg. Bush brachte es fertig und legte ihm Dinge in den Mund, die er nie gesagt hatte. Als Nena sich dann nicht bereit fand, im Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages mitzuarbeiten - sie schob vor, den Mund nicht halten zu können -, half nur noch die Flucht nach vorn. Eine große Koalition musste her, ganz schnell. Also Neuwahlen. Sie wird nun ergänzt durch die große Berater-Koalition der Altkanzler. Schröder hat inzwischen auch seinen Intensivkurs in Englisch gemacht. In Wales. Nichts kann ihn nun noch aus der Fassung bringen. Und El- Masris Schaden muss es auch nicht sein. Er kann seine...

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