Werbung

Sieg dank einer Monty-Python-Truppe?

Zweiter Weltkrieg: Die Casablanca-Strategie der Alliierten

Noch eine Geschichte des Zweiten Weltkriegs? Braucht es die? Nein, nicht zwingend. Doch diese Geschichte hat einen überraschenden Ansatz. Der Yale-Professor Paul Kennedy, Jg. 1945, untersucht die Phase zwischen der Konferenz der Westalliierten in Casablanca im Januar 1943 und der Invasion in der Normandie am 6. Juni 1944. In Casablanca einigten sich Roosevelt und Churchill auf das gemeinsame Ziel: Luftherrschaft, Seeherrschaft, Landung an den Küsten.

War der Krieg damit entschieden? Keineswegs, meint Kennedy. Denn nach Casablanca ging’s erst einmal bergab für die Westalliierten. Die Bomberoffensiven scheiterten. Nazi-Deutschland war stark wie nie zuvor, das »Reich« erreichte den Höhepunkt seiner Rüstungsproduktion. »Seine Waffenproduktion war 1943 mehr als doppelt so groß wie 1941«, so Kennedy. Die Nazis hatten mehr und bessere Flugzeuge als die Briten, bessere Panzer, bessere U-Boote. Was also geschah in der Phase zwischen Casablanca und der Landung in der Normandie?

Der britische Historiker teilt seine Studie in fünf Kapitel. In jedem beantwortet er eine kriegsentscheidende Frage: Wie schützt man Frachtschiffe vor den Rudeln deutscher U-Boote? Wie erringt man die Luftherrschaft? Wie stoppt man den »Blitzkrieg« im Osten? Wie erobert man eine feindliche Küste? Und: Wie überwindet man verlustarm den Pazifik? Wir Heutigen bewerten historische Ereignisse gern von den Ergebnissen her: Es musste geschehen, was geschah. Doch dies sei der falsche Ansatz, meint Kennedy. Und dann geht er tief hinein in »die Mechanik und Dynamik strategischer Erfolge«, in eine Geschichte aus Chaos und Wechselwirkung. Er zitiert Brechts »Fragen eines lesenden Arbeiters« von 1937: »Der junge Alexander eroberte Indien./ Er allein?/ Cäsar schlug die Gallier./ Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?/ Friedrich der Zweite siegte im Siebenjährigen Krieg. Wer/ Siegte außer ihm?« Dem Dichter folgend schaut Kennedy nicht auf die Schlachtenlenker, sondern auf die Akteure der mittleren Ebenen, die »Problemlöser«; »Ingenieure« nennt er sie. Er singt ein Hohelied auf Tüftler in Zivil und Uniform. In einem britischen Team erkennt er »die exzentrischste Truppe vor der Gründung von Monty Python«.

Mit Lust am ungewöhnlichen Detail präsentiert der Autor Erfindungen und Innovationen aller Art. Er bewertet Flugzeugträger, Miniradar, Langstreckenjäger. Auch der legendäre Sowjetpanzer T-34 steht auf dem Prüfstand - und kommt gar nicht so gut weg. Das Fazit des Autors: Der Sieg der Alliierten hatte viele Väter. Entscheidend war die Freiheit des Geistes und eine »Kultur der Ermutigung«.

Dieses Buch ist ein Musterbeispiel erzählender Geschichtsschreibung, manchmal vielleicht etwas zu geschwätzig, aber immer spannend und lehrreich.

Paul Kennedy: Die Casablanca-Strategie. Wie die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen. Aus dem Engl. von Martin Richter. C. H. Beck. 442 S., geb., 24,95 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser:innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede:n Interessierte:n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor:in, Redakteur:in, Techniker:in oder Verlagsmitarbeiter:in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung