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100 Jahre und noch immer keine Reue

Der verurteilte NS-Kriegsverbrecher Erich Priebke wird kurz vor seinem Jubiläum streng beobachtet

  • Von Wolf H. Wagner, Florenz
  • Lesedauer: 3 Min.

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Mehr als 330 Menschen wurden am 23. März 1944 von SS-Soldaten in Rom ermordet. Einer der Täter darf seinen Lebensabend in der Hauptstadt Italiens verbringen, sein 100. Geburtstag soll ihm aber kein Anlass zum feiern sein.

Er ist im Viertel bekannt. Jeden Tag unternimmt der alte Herr einen Spaziergang, begleitet von seiner Altenpflegerin sowie ein, manchmal auch zwei Bodyguards. Oder sind es doch Wächter? Denn der Spaziergänger im römischen Quartier Aurelio steht unter Hausarrest. Erich Priebke war als SS-Hauptsturmführer mitverantwortlich für das Massaker in den Ardeatinischen Höhlen. Am 29. Juli wird er 100 Jahre alt, eine öffentliche Feier - wie zu seinem 90. - soll es diesmal aber nicht geben. Das unterstrich der neue Bürgermeister der Hauptstadt, Ignazio Marino. Der Sozialdemokrat werde sich persönlich um die Überwachung kümmern. »Rom ist verpflichtet, das Andenken derer zu bewahren, die für die Freiheit der Stadt gegen die Besatzung durch den Nazifaschismus gekämpft haben und die Opfer des deutschen Terrors wurden«, so Marino.

Der Bürgermeister reagierte damit auf einen Appell des nationalen Partisanenbundes ANPI und der Jüdischen Gemeinde Roms. In dem Schreiben forderte Riccardo Pacifici, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, die Behörden auf, in Priebkes Umgebung keine Feierlichkeiten zuzulassen. In dem an Staatspräsident Giorgio Napolitano, Regierungschef Enrico Letta, Justizministerin Annamaria Cancellieri, den Gouverneur von Lazio, Nicola Zingaretti, sowie an den Bürgermeister von Rom gerichteten Schreiben erklärt Pacifici, der als Kriegsverbrecher verurteilte Priebke habe »zu keiner Zeit zu dem Massaker Stellung genommen, nie um Verzeihung gebeten, nie Mitleid mit den Angehörigen der Opfer gezeigt oder auch mit den Opfern, die er in der Via Tasso (dem damaligen Sitz des SS-Sicherheitsdienstes, Red.) gequält habe«. Nicht als Jude, sondern als Italiener fühle er sich entwürdigt, sollte eine Geburtstagsfeier für Priebke stattfinden.

Am 23. März 1944 hatten Partisanen in Rom ein deutsches Polizeibataillon angegriffen und dabei 32 Soldaten getötet. Weitere 67 Deutsche wurden verwundet. Als Vergeltungsmaßnahme schlug die deutsche Heeresführung die Erschießung von je zehn Italienern für jeden getöteten Deutschen vor. Der von Hitler bestätigte Plan wurde bereits am nächsten Tag umgesetzt. Die SS trieb 335 Menschen - Gefangene aus Gestapo-Haft, Arbeiter von der Straße, darunter 75 noch nicht deportierte Juden - zusammen und brachte sie zu den Ardeatinischen Höhlen im Süden der Stadt. Dort wurden ihnen die Hände auf dem Rücken gefesselt und je fünf Menschen zur Erschießung in die Höhlengänge geführt. Nachdem diese bald verstopft waren, mussten die letzten Geiseln auf die bereits Erschossenen steigen und wurden füsiliert.

Die Aktion dauerte etwa fünf Stunden. Etwa 90 SS-Männer waren an dem Massaker beteiligt. Zu den verantwortlichen Offizieren gehörten der aus Haft geflohene SS-Obersturmbannführer Herbert Kappler ebenso wie SS-Sturmbannführer Karl Hass, der bis 1998 unter falschem Namen in Italien lebte, dann zu lebenslanger Haft verurteilt wurde und 2004 starb. SS-Hauptsturmführer Carl-Theodor Schütz wurde 1952 als »charakterlich integre und vorbildliche Person« in die Organisation Gehlen, später Bundesnachrichtendienst, übernommen. SS-Hauptsturmführer Erich Priebke gelang die Flucht nach Argentinien, wo er erst in den 90er Jahren aufgespürt wurde. 1996 nach Italien ausgeliefert, wurde Priebke zwei Jahre später wegen des Massakers zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Strafe wurde später in Hausarrest umgewandelt, den Priebke seither in Rom verbüßt.

Noch vor zehn Jahren wurde eine spektakuläre Geburtstagsfeier für den SS-Mörder abgehalten, zu der sich nicht nur »alte Kameraden«, sondern auch Neonazis einfanden. Eine solche Demonstration soll nun verhindert werden. Der Anwalt Priebkes, Paolo Giachini, sagte aber zu, dass es keine Geburtstagsfeier geben werde. Die Verfolgung »einesn armen Alten«, der gemäß des Gesetzes eine lebenslange Strafe verbüßt, solle aber endlich aufhören. Darauf braucht Giachini aber offenbar nicht hoffen.

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