Werbung

Die geteilte Markthalle

Teure Bio- und Regionalprodukte schließen arme Menschen in Kreuzberg vom Konsum aus

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

In der Kreuzberger Markthalle IX verlaufen unsichtbare Grenzen: Arm und Reich, Schick und Schäbig, bürgerliche Neu- und migrantische Alt-Kreuzbergerinnen und Alt-Kreuzberger bleiben hier voneinander getrennt. Eine »Halle für alle«, wie von den Betreibern behauptet, ist die Markthalle nicht.

Ein Ort der Begegnung und »Treffpunkt aller« in Kreuzberg möchte der Wochenmarkt sein, der freitags und samstags in der Markthalle IX in der Eisenbahnstraße stattfindet. Nach anfänglichen Schwierigkeiten hat sich der Markt fest etabliert, inzwischen herrscht reger Betrieb. Der Umgang zwischen Käufern und Verkäufern ist persönlich; man ist freundlich zueinander. Die Bäuerin verkauft hier ihr naturbelassenes Gemüse frisch vom Feld, der Metzger bietet seine selbstzubereiteten Fleischspezialitäten vom »Original Brandenburger Sattelschwein« an.

Auf diesem Markt ist alles authentisch, so wird es zumindest dem Besucher beigebracht: Die Waren sind »regional«, »handmade«, »biologisch-dynamisch«, von irgendwem kontrolliert und zertifiziert – für »bio« allein bekommt man hier nur ein müdes Lächeln. Dieser etwas überspannte Regional- und Biokult schließt aber keineswegs eine gewisse Internationalität aus. Ganz im Gegenteil, die südeuropäischen Feinkoststände sorgen für ein fast mediterranes Flair und es duftet nach Toskana oder Provence. Angebot und Preisniveau lassen keinen Zweifel daran, dass die Marktbetreiber sich »Qualität statt Quantität« auf die Fahnen geschrieben haben. Dieses Mantra der bewusst lebenden modernen Mittelschicht treibt hier mitunter aber auch seltsame Blüten. So prangt über einem Marktstand ein »Manifest des Lukullisten«, in dem es heißt: »Ich vergesse nie: ungesäuerte Kastenbrote sind allenfalls eine Sättigungsbeilage«.

Diese kulinarischen Höhenflüge stehen in einem bizarren Gegensatz zu Aldi und Kik, die sich ebenfalls in der Markthalle befinden. Hier verfliegt der mediterrane Duft schnell. Zwischen den Discountern und dem Wochenmarkt scheint eine unsichtbare Grenze zu verlaufen. Die von den Marktbetreibern auf der Website gepriesene Vielfalt (»Hier steht der türkische Metzger neben dem Brandenburger Biogärtner«) findet so nicht statt. Es gibt zwar exquisite spanische, französische und italienische Delikatessen, günstige Angebote, arabische oder türkische Speisen sucht man aber vergebens.

So sind Marktbesucher und Kik-Kunden feinsäuberlich getrennt, selten verirrt sich jemand auf die andere Seite. Jeder bleibt in seiner Konsumwelt. Die weiße Mittelschicht Kreuzbergs bleibt unter sich beim Plausch und Probekosten zwischen Quiche und Tapas. Pain au lait für 5,60 Euro pro Kilo, Caffè Latte 3,40, 100 Gramm Emmentaler für über drei Euro: Geld funktioniert hier als messerscharfe Grenze – weil immer nur gucken und nicht anfassen auch auf dem schönsten Markt keinen Spaß macht.

Natürlich war die Markthalle IX vor der Umstrukturierung früher alles andere als ein Paradies. Eher ein ziemlich trister Ort mit deprimierenden Discountern, in dem sich Arme und Trinker in der Mitte der Halle um einen Kiosk zusammenfanden, der jetzt als Kaffeestand ausgewiesen ist. Aber für einkommensschwache, oft auch migrantische Anwohner war die Halle bislang dennoch wichtiger Bestandteil der lokalen Infrastruktur. Als 2009 bekannt wurde, dass die Stadt die Eisenbahnmarkthalle meistbietend an eine Investorengruppe verkaufen wollte, die den Bau weiterer Discounter plante, regte sich Widerstand in Teilen der Nachbarschaft. Die Initiative Lausitzer Platz mobilisierte Anwohner, Medien und Politik gegen die Verkaufspläne und unterstützte das Nutzungskonzept Markthalle IX einer Gruppe lokal verankerter junger Leute. Deren Plan wirkte demokratisch, sympathisch und »von unten«: die Markthalle sollte ein kleinteilig genutzter Kieztreffpunkt werden. Schließlich gab die Stadt 2011 dem – niedrigeren – Gebot der Projektgruppe Markthalle IX den Zuschlag.

Was als ein Sieg der Anwohner gegen die Kommerzinteressen der Stadt anmutete, hat jedoch seine Schattenseiten: Durch die hier angebotenen qualitativ hochwertigen, insbesondere regionalen Produkte werden auf die denkbar charmanteste Art und Weise weniger kaufkräftige Menschen verdrängt. Die Halle ist heute zweifellos hübscher anzusehen als früher, die letzten störenden Kanten werden Schritt für Schritt abgeschliffen – Aldi und Kik sollen nach dem Willen der Betreiber bald genauso verschwinden wie wohl auch die letzten Dosenbiertrinker. Mit »Vintage- und Slow-Food-Specials« erreicht man aber kaum die umliegenden Sozialwohnungen und die traditionelle »Kreuzberger Mischung«. Mittelschicht schlägt Unterschicht – das alte Lied.

Die Markthalle IX ist sicher nur ein Mosaikstein einer von der Stadt geförderten »sanften« Aufwertung des Quartiers und der gesamten Innenstadt. In einer unternehmerischen Stadtentwicklungspolitik sind Märkte in erster Linie Orte mit Eventcharakter, die ein Viertel für bestimmte urbane Schichten lebenswert und bewohnbar machen und zugleich neue anlocken sollen. Die Markthalle zielt auf eine gediegenere Käufergruppe, die auf der Suche nach dörflicher Überschaubarkeit, dem unverfälschten Leben – Authentizität – ist.

Eine Ironie der Geschichte ist, dass Geringverdienende ausgerechnet von dem Ort verdrängt werden, der einst zur Sicherstellung der Grundversorgung der Ende des 19. Jahrhunderts rasant wachsenden Bevölkerung Berlins errichtet wurde. Die wilhelminische Hauptstadt ließ die Markthallen erbauen, um den Bedürfnissen der meist bettelarmen, in die Stadt strömenden Neu-Berliner gerecht zu werden und hygienische Mindeststandards durch die Verlegung des Verkaufs in Innenräume zu garantieren.

Heute lässt sich konstatieren: Die Markthalle ist wieder ein Treffpunkt geworden, auch freundlicher, persönlicher und schöner – aber für wen? Eine »Halle für alle«, wie von den Betreibern behauptet, ist sie nicht. Hier bleiben Arm und Reich, Schick und Schäbig, bürgerliche Neu- und migrantische Alt-Kreuzbergerinnen und Alt-Kreuzberger voneinander getrennt. Aber immerhin stellen sich die Betreiber der Problematik. Gemeinsam mit Kritikern und Anwohnern ist für den 13. August, 19 Uhr, eine Diskussionsveranstaltung in der Markthalle, Eisenbahnstraße 42, Kreuzberg, geplant.


Dieser Artikel erschien zuerst online bei www.99prozenturban.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!