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Kirchengemeinden setzen auf Wandertourismus

Das europaweite Netz der Jakobswege zieht sich auch durch Brandenburg

  • Von Yvonne Jennerjahn, epd
  • Lesedauer: 3 Min.

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Seinen Alltag verbringt er im Hotel: Roman Krieger arbeitet in einem der größeren Häuser in der Westberliner City. Doch an diesem Tag ist er leger unterwegs. Mit Skistock, Rucksack, Sonnenbrille und kurzer Hose wandert der 33-jährige Weiterbildungsmanager durch Brandenburg - mit spirituellem Ziel. Er hat sich einen Abschnitt des historischen Jakobs-Pilgerwegs nach Bad Wilsnack in der Prignitz vorgenommen.

Im Mittelalter gehörte die Stadt zu den wichtigsten Pilgerorten Europas. Hostien mit vermeintlichen Blutstropfen wurden dort verehrt, der Rummel brachte Region und Kirche viel Geld. Doch als 1552 ein protestantischer Pfarrer die Wunderbluthostien verbrannte, war Schluss mit der Tradition. Die vielen Pilgerherbergen mussten schließen und Wilsnack geriet ins ökonomische Abseits.

Seit einigen Jahren steigt die Beliebtheit des Wanderns auf historischen religiösen Wegen auch in Deutschland. Vielerorts werden Abschnitte der mittelalterlichen Jakobswege rekonstruiert, die in einem verzweigten Netz quer durch Europa nach Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens führen. Auch durch Brandenburg führen mehrere Routen. Die Kirchen an der Strecke sehen darin neue Chancen für die eigenen Gemeinden.

In der evangelischen Dorfkirche von Barsikow bei Kyritz öffnet Klaus-Jürgen Grützmacher die Tür zu einer schmalen Holztreppe, die in den Kirchturm führt. In den ersten beiden Stockwerken stehen mehrere Betten - die Gemeinde hat den Glockenturm zur Pilgerherberge ausgebaut. »Das ist einzigartig in Brandenburg«, betont der 66-jährige gelernte Elektriker, der zuletzt in einer Behinderteneinrichtung gearbeitet hat.

In den vergangenen Jahren ist die mittelalterliche Dorfkirche auf halber Strecke des 130 Kilometer langen Jakobswegs von Berlin nach Bad Wilsnack mit Hilfe von EU-Mitteln instand gesetzt worden. »Damit der sanierte Turm nicht nutzlos rumsteht«, sei die Idee mit der Herberge entstanden, erklärt Grützmacher, der Vorsitzender des Gemeindekirchenrates und nun auch Herbergsvater ist. Zwölf Euro fünfzig kostet die Übernachtung mit frischer Bettwäsche. 77 Gäste wurden 2012 hier gezählt. Die Glocken werden noch geläutet - aber nur abends.

Ob die Wanderer tatsächlich aus religiösen Gründen unterwegs sind, ist nicht so wichtig. »Das sind Leute, die entschleunigen wollen und dann loslaufen«, weiß Grützmacher. »Manche haben einen kirchlichen Bezug, manche nicht.« Von 18 bis 80 seien alle Altersgruppen vertreten. »Wir hatten auch mal einen Gast aus Borneo, der hier Ahnenforschung betrieben hat«, berichtet der Herbergsvater.

Im Kyritzer Ortsteil Rehfeld erwartet Besucher zwischen Kirsch- und Apfelbäumen eine Baustelle. Die kleine Fachwerkkirche wird gerade komplett saniert. Ein Teil soll abgetrennt werden und als Aufenthaltsraum für Wanderer dienen. Die Kirche ist zu klein, um gleich ganz als Pilgerherberge genutzt zu werden. Nun träumt die Gemeinde von einem bescheidenen Neubau mit sechs Betten im Garten neben der Kirche.

Im ebenfalls am Pilgerweg gelegenen Berlitt tragen sie ähnliche Ideen mit sich herum. »Heute waren schon zwei Pilger hier«, sagt Bärbel Oschmann von der evangelischen Kirchengemeinde. Da steht draußen der Nächste vor der Tür: In der sengenden Sonne kommt Roman Krieger zu Fuß an der Kirche an.

Fünfmal sei er schon auf Strecken des Jakobswegs unterwegs gewesen, in Brandenburg und in Frankreich. An diesem Tag hat er sich 30 Kilometer vorgenommen, bis Tangermünde will er in den Tagen danach noch weiterwandern. Eine Bildungsreise durch Kultur und Geschichte sei das Pilgern für ihn, sagt Roman Krieger. »Aber der Hauptbeweggrund ist der Glaube.«

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