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Snowdens Propheten

»Cypherpunks« - wie Julian Assange und seine Freunde die Menschheit erretten wollen

Es sieht übel aus, ganz übel: Staaten spionieren im letzten Winkel der Privatsphäre ihrer Bürger. Internationale Konzerne sind ihre Handlanger. Der Datentotalitarismus ist längst Realität. Dies ist - kurz gefasst - die Botschaft von Julian Assanges Buch »Cypherpunks«. Nach altem Schlapphut klänge das, hätte der WikiLeaks-Chef die wahrgewordene Dystopie nicht bereits Monate vor den Enthüllungen Edward Snowdens zu Papier gebracht.

Genauer gesagt, schrieb er nicht selbst, sondern transkribierte ein Gespräch, das er mit drei anderen Datenschutz-Aktivisten führte. Im Sommer 2012 traf sich die damals unter Hausarrest stehende Whistleblower-Ikone mit drei Bekannten, um sich - na klar - über Überwachung und Datenschutz zu unterhalten: Jacob Applebaum, der als Entwickler der Anonymisierungs-Software TOR und gelegentlicher WikiLeaks-Referent nicht nur einen gewissen Edward Snowden interviewte, sondern auch regelmäßig Bekanntschaft mit US-Grenzbeamten macht. Der Deutsche Andy Müller-Maguhn, der ein Programm für verschlüsselte Telefongespräche entwickelte und hierzulande als ehemaliger Sprecher des »Chaos Computer Clubs« bekannt ist. Und der französische Aktivist Jérémie Zimmermann, der sich mit der Gruppe »La Quadrature du Net« gegen die politische Regulierung des Internets zur Wehr setzt.

Auf 200 Seiten unterhalten die vier sich über genau das, was man von ihnen erwartet: Zensur, Wirtschaftsspionage, Militarisierung des Internets, die Kollaboration privater Konzerne, die Zentralisierung von Online-Diensten. Der Feind: ein »dystopisches Überwachungssystem«, das von Facebook und »Zensursula« über den Export von Spionagetechnik an autoritäre Regime und die Machenschaften zahlloser amerikanischer Geheimdienste bis zu dem Umstand reicht, dass selbst der Kreditkarteneinkauf des russischen Präsidenten Putin im Supermarkt um die Ecke auf einem amerikanischen Server registriert wird.

Dem gegenüber stehen die Ideale der »Cypherpunks«, einer 90er-Jahre-Hackerbewegung, die einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde, als aus ihrer Szene eine Website zur Preisgabe von Regierungsgeheimnissen hervorging. WikiLeaks war geboren. Nur durch Verschlüsselung, offene Soft- und Hardware und alternative Währungen wie Bitcoin, so der Konsens der Aktivisten, könne sich der Mensch der totalen staatlichen Kontrolle entziehen, gar die »Unabhängigkeit der Menschheit« gewahrt werden.

So sehr ihre schonungslose wie manchmal auch etwas theatralische Analyse in Zeiten, da Orwell nur noch zur Verharmlosung taugt, ein revolutionäres Manifest hergeben könnte, so langweilig mutet das Gespräch an: Was die Bibel der Netzguerilla hätten werden können, liest sich meist doch nur als das, was es ist: Ein zwangsloses Gespräch von vier Computernerds, die sich nicht im abhörsicheren Keller eines versteckten Abbruchhauses treffen, sondern im Wintergarten von Assanges ehemaligem Hausarrest-Domizils in der britischen Grafschaft Norfolk. Dort tun sie, was Jungs eben tun, wenn man ihnen ein paar Prinzenrollenkekse und Bierflaschen auf den Couchtisch vor den ausgeblichenen Zweisitzer mit Blümchenkissen stellt: Sie inszenieren sich und tragen zu jedem beliebigen Thema selbstbewusst jenes Halbwissen vor, von dem sie auch nicht viel mehr Ahnung haben als der Leser. Wenn die vier seitenlang über den einzig richtigen Weg zu Bekämpfung von Kinderpornografie mutmaßen oder anhand selbsterdachter Theorien die Staatsartigkeit der libanesischen Hisbollah-Partei analysieren, wünscht man sich, jemand hätte sich das Manuskript noch einmal angeschaut und das infantile Gelaber abseits von Netzthemen gestrichen.

Nur selten sind Enthüllungen so anschaulich beschrieben, wie die Geschichte von Müller-Maguhn über eine Protestveranstaltung des »Chaos Computer Club« gegen Siemens. Von der wussten zwar Presse und Öffentlichkeit, nicht aber die betroffene Siemens-Belegschaft, da das Siemens-interne Zensurprogramm seinen Mitarbeitern den Zugriff auf Informationen zur Hackergruppe verwehrte. Rar sind auch die Passagen, in denen man das Gefühl hat, wirklich Hintergründe zu erfahren, wie bei Assanges Aufzählungen von Fällen, in denen unter anderem »Der Spiegel« die von WikiLeaks veröffentlichten amerikanischen Botschaftsdepeschen politisch genehm vorzensierte.

Trotzdem: Was bleibt, ist die realistische Ahnung von jenem Abgrund, den nur Edward Snowden mit seinem Geheimwissen noch düsterer zeichnen konnte. Ein Jahr nach dem Treffen der vier »Cypherpunks« trifft ihr Buch auf eine Leserschaft, für die Begriffe wie NSA und PGP-Verschlüsselung zum allgemeinen Sprachschatz gehören. Das größte Manko des Buchs ist deshalb unverschuldet: Wurden die vier und ihre Cypherpunk-Bewegung bis vor zwei Monaten noch als Paranoiker und Verschwörungstheoretiker verspottet, gerade auch von all jenen Verharmlosern, die nun vorgeben, alles immer schon gewusst zu haben, so liefert das Buch nun nur noch allzu Bekanntes. In diesem Sinne kann man Assange und seinen Datenschutz-Visionären nur ein ungewöhnliches Urteil für ihr Buch ausstellen: »mittlerweile veraltet«.

Julian Assange u. a.: Cypherpunks. Unsere Freiheit und die Zukunft des Internets. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2013. 200 S., br., 16,99 €.

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